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Predigt am 3. Advent 2005
Pastorin Heike Reimann mit Frauenkreis
"Du stellst meine Füße auf weiten Raum - aber: es war kein Raum
in der Herberge"
Gnade und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus sei
mit euch allen!
1. Stimme: Der Advent ist die Zeit der Vorbereitung, des Wartens und Planens
– und die Zeit für Träume und Wünsche.
Da fällt es sicherlich nicht schwer, sich in die Lage einer schwangeren
Frau zu versetzen, die unterwegs ist und spürt, das Kind will zur Welt,
die Geburt steht bevor. Unterwegs sein, nicht zuhause sein, keinen intimen
Ort haben, um in Ruhe das Kind zu gebären. Ob diese Frau wohl in Hektik
verfällt? Ist sie hilflos dem „Nein- alles besetzt“ ausgeliefert?
Ist sie nervös, den Tränen nahe?
Suchende Augen hat sie: Wo finde ich einen Raum, eine Möglichkeit, mich
darauf zu konzentrieren, dem Kind zum Licht zur Welt zu verhelfen? Wo finde
ich den Raum, um danach auszuruhen, und mich über das Kind zu freuen?
2. Stimme: Kein Raum in der Herberge
Michael war gerade neun Jahre alt geworden und ging in die dritte Klasse.
Eigentlich wäre er im Krippenspiel gern ein Hirte mit einer Flöte
gewesen, aber die Lehrerin hatte ihm eine wichtigere Rolle zugedacht. Michael
sollte der Wirt im Städtchen Bethlehem sein. So versammelte sich wie
gewohnt eine grosse Schar von Zuschauern zur alljährlichen Aufführung
der Weihnachtsgeschichte mit Hirtenstäben und Krippe, Bärten, Kronen,
königlichen Gewändern und einer ganzen Bühne voll heller
Kinderstimmen.
Es kam der Augenblick, wo Josef seine Maria behutsam vor die Herberge
führte und laut an die Holztür pochte. Michael der Wirt stand dahinter
und wartete. «Was wollt ihr?», fragte er barsch und stiess die
Tür heftig auf. «Wir suchen Unterkunft.» «Sucht sie
anderswo!» Michael blickte starr geradeaus, sprach aber mit kräftiger
Stimme: «Die Herberge ist voll!» «Bitte, lieber Wirt, das
hier ist meine Frau Maria. Sie ist schwanger und muss sich ausruhen. Sie
ist so müde...» Jetzt lockerte der kleine Wirt zum erstenmal seine
starre Haltung und schaute auf Maria.
Eine neue Variante
Dann folgte eine lange Pause, so lange, dass es für die Zuhörer
schon ein bisschen peinlich wurde. «Nein! Schert euch fort!»,
flüsterte der Souffleur aus der Kulisse. «Nein! Schert euch
fort!», wiederholte Michael automatisch. Traurig legte Josef seinen
Arm um Maria, und Maria lehnte den Kopf an die Schulter ihres Mannes. So
wollten sie ihren Weg fortsetzen. Aber der Wirt ging nicht wieder in seine
Herberge zurück. Michael blieb auf der Schwelle stehen und blickte dem
armseligen Paar nach – mit offenem Mund, die Stirn sorgenvoll gefurcht.
Man sah deutlich, dass ihm Tränen in die Augen traten.
Und plötzlich wurde dieses Krippenspiel anders als alle bisherigen.
«Bleib hier, Josef!», rief Michael. «Bring Maria wieder
her!» Sein Gesicht verzog sich zu einem breiten Lachen. «Ihr
könnt mein Zimmer haben!» Manche Zuschauer meinten, Michael habe
das Krippenspiel verdorben. Aber viele, viele andere hielten es für
das weihnachtlichste aller Krippenspiele, die sie je gesehen hatten.
1. Stimme: Einer hatte also Mitleid und gab ihnen ein Dach über den
Kopf, einen Raum. Einen Raum, der erfüllt war von dem Wunder der Geburt
eines Kindes, in diesem Fall eines ganz besonderen Kindes. Und mal Hand aufs
Herz: Welches neugeborene Kind ist nicht besonders und immer wieder ein Wunder?
Wir kennen das alle, wie ein Raum erfüllt sein kann von dem, was gerade
geschieht, welche Atmosphäre herrscht, ob warm, schneidend, beunruhigend,
anheimelnd oder einladend. Ob fröhliches Lachen, Trauer oder auch betretenes
Schweigen den Raum erfüllt.
3. Stimme: Wohnst du noch oder lebst du schon? Räume zeigen etwas von
dem, wie Menschen leben. Ob kühle strenge Linien vorgegeben sind, die
Einrichtung, die Dekoration, ob Blumen in ihm leben, ob Ordnung oder wohlige
Unordnung bis hin zum Chaos darin leben, all das lässt
Rückschlüsse auf den zu, der darin lebt.
Und meistens ist es doch so, dass wir Frauen die Gestalterinnen unserer
Wohnräume sind und dadurch für Atmosphäre sorgen. Mein Mann
ist durch den Beruf viel weniger zu Hause als ich. Dadurch nutze ich alle
„meine“ Räume und bin damit sehr froh und zufrieden.
4. Stimme: Doch es gibt viele Frauen, die keinen Raum haben oder ihn sich
nicht nehmen. Die in der Küche oder im Wohnzimmer am Tisch sitzen und
ständig wieder ein – und wegräumen müssen. Heißt
es darum, dass Frauen sich keinen oder zu wenig Raum nehmen, zu wenig für
sich sorgen und ihrer Arbeit nicht den nötigen Stellenwert geben?
1. Stimme: In der Bibel finden wir Frauenräume dort, wo Frauen für
das leibliche Wohl der Familie sorgen: Sarah im Zelt, Maria und Martha, die
Frau, die im Haus das Geldstück such und findet und andere. Das sind
die auf Frauenrollen festgelegten Räume. Es sieht so aus, als hätten
Frauen noch immer ihre Räume dort, wo sie für andere Wirken. Ich
bin in meinem Bekanntenkreis die einzige Frau, die heute ein eigenes Zimmer
hat, nicht nur zum Arbeiten, sondern auch zum Zurückziehen und zum Basteln,
Malen, Stricken oder Fernsehen. Das war nicht immer so. Die anderen
Familienmitglieder - mein Mann und die Kinder - haben auch eigene Räume.
Ich genieße das sehr, sehe es auch als ein Stück Luxus und freue
mich darüber. Entstanden ist es aus dem Wunsch, in Ruhe die Arbeit für
andere – an der Predigt oder in Gesprächen tun zu können –
aber ich arbeite dort nicht nur, sondern lebe auch. Es ist mein Lebensraum.
Und es ist kein verschlossenes Kämmerlein, sondern ich lade gern darin
ein.
5. Stimme: Lebensraum .- Lebenstraum
Jeder Traum beinhaltet einen Raum, braucht einen Raum. Meine Wünsche
und Phantasien, meine Träume vom Leben und fürs Leben brauchen
Raum, damit ich sie entfalten und verwirklichen kann. Dafür gibt es
viele Möglichkeiten: Manche stellen einfach einen Raumteiler auf, um
einen eigenen Raum zu bekommen, andere suchen eine Raumstation im Weltraum.
Ich meine, einige von uns sind zufrieden mit dem, was sie haben und möchten
dieses Gefühl auch haben dürfen, ohne das Anspruchdenken der anderen
auf sich selbst übertragen zu müssen. Andere sind unzufrieden,
weil sie noch auf der Suche sind. Wir alle müssen unsere Träume
und Räume immer wieder überprüfen, denn im Gang durch das
Leben und durch die Generationen sind Räume unterschiedlich wichtig
und nötig und richtig!
1. Stimme: Du stellst meine Füße auf weiten Raum!
Hinter dem Menschen, der diesen Psalm betet liegen schwere Zeiten. Er spricht
von Elend und Not, von seelischen Krisen und Verunsicherung, er spricht von
Feinden, die ihn bedroht haben. Konkreter wissen wir es nicht. Dennoch
können wir auch heute diese alten Worte nachbeten. Damit stellen wir
uns auch auf weiten Raum. Ich gewinne die Möglichkeit, in der
Rückschau den Krisen in meinem Leben, der Trauer und den Schmerzen einen
Namen zu geben. Meine eigene Geschichte, meine Verletzungen, meine Bedrohungen
und Narben bekommen bei Gott Worte, einen Namen. All die belastenden Dinge
werden so mit hinein genommen in die lange Liebesgeschichte Gottes mit seinen
Menschen, mit mir.
6. Stimme: Du stellst meine Füße auf weiten Raum – der betende
Mensch bleibt nicht stehen, sieht nicht nur zurück auf die Wege durch
die Dunkelheit. Er kann jubeln, sie kann sich freuen, kann Gottes Liebe und
Güte preisen und ihn dafür loben, dass ihre Füße jetzt
auf weiten Raum gestellt sind. Sie kann die leichte Luft genießen,
das Blau des Himmels und die Farben, die in der Sonne leuchten, die Wärme
der Sonnenstrahlen. Vor ihr: Weite und offenes Land, fester Grund, um gut
zu gehen, weiter zu gehen in die Zukunft, hinein in das Leben.
7. Stimme: Es ist kein Raum! Nein! Du stellst meine Füße auf weiten
Raum – das könnt auch Ihr, die Jugendlichen für Euch nachsprechen.
Eure Füße stehen auf weitem Raum, als Jugendliche in unserer
Gesellschaft und in unserer Kirche könnt Ihr, kann jede alt und jung,
Schritte tun, Räume und Möglichkeiten für Euch entdecken und
dann annehmen und gestalten. Dabei werdet ihr sicher an Grenzen stoßen,
merken, dass manche Räume anders aussehen als sie sind, doch Gottes
Segen wird Euch begleiten.
1. Stimme: Du stellst meine Füße auf weiten Raum – wir sind
gestellt, nicht hingelegt oder hingeworfen. Wir stehen auf unseren
Füßen in der Welt – und auch vor Gott.
Es ist kein Raum für dich, für deine Wünsche und Phantasien?
Dann fass sie nicht zu eng. Wenn das eine nicht geht, dann vielleicht etwas
anderes. Wenn nicht sofort, dann vielleicht mit mehr Geduld. Wer sagt denn
das: es ist kein Raum? Gott stellt unsere Füße auf weiten Raum.
Da gilt es:
Nicht aufhören, im Freiraum Gottes meinem Traum Raum geben!!
8. Stimme: Dafür gibt es viele Möglichkeiten: Zum Beispiel schaffe
ich Raum, in dem ich aufräume, was mich belastet wird verräumt
(=entrümpelt). Wenn mich mein leerer Raum einsam macht oder erdrückt,
kann ich ihn wohnbarer machen, in dem ich meinen Raum mit anderen teile,
das heißt Kontakte knüpfe. Vielleicht kenn ich jemanden mit zu
wenig Raum und kann ihn oder sie einladen.
1. Stimme: Es war kein Raum in der Herberge. Wer sagt das denn? Ist das die
traurige Gewissheit der Betroffenen? Nein, es wird ihnen von anderen so gesagt.
Und doch fanden die Suchenden Raum und haben den Stall zum Raum gemacht.
Geben wir den Suchenden Raum? Geben wir dem Kommenden, dem Advent Raum? Oder
sind wir mehr beschäftigt mit den Vorbereitungen für das Fest als
mit Gott selbst?
Gott stellt unsere Füße auf weiten Raum. Wir sind eingeladen,
Raum zu betreten und Raum zu ergreifen. Gott selbst möchte in uns Raum
finden, denn wir haben Raum, weil es uns gibt. Weil wir von Gott gewollte,
gewünschte Geschöpfe sind, haben wir Raum. Wir müssen ihn
nur noch suchen und füllen.
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