Liebe Gemeinde,
das erste Buch der Bibel endet mit einer eindringlichen Versöhnungsszene
zwischen Josef und seinen Brüdern. - Am Anfang die Schöpfung, am
Ende Versöhnung: "Und siehe, es war gut" und es wird gut. Gott wendet
zum Guten, - wie? Durch Einwirken auf die Tiefenschicht des menschlichen
Herzens, auf das Unbewusste in einem Menschen. Jakob träumte von der
Himmelsleiter. Josef, sein Liebster, wird durch sein Innenleben mit Gott,
durchs Hören auf die Botschaft des eigenen Herzens und durchs Deuten
von Träumen des Pharao zum weisen Verwalter Ägyptens. In der Not
hat er noch Speicher voll, alle zu ernähren. Seinen Brüdern, die
ihn aus der Welt schaffen wollten, dann als Sklaven nach Ägypten verkauften,
kann er offenen Herzens wieder begegnen. Josef hegt keinen Groll gegen sie.
Weil er ihnen keine Schuld zurechnet. Darum sagt er auch nicht, worum sie
ihn so inständig bitten: "Ich verzeihe Euch!" Er sagt es nicht. Nicht,
weil er ihnen nicht verzeihen könnte, sondern weil erkannt hat: Gott
hat ihren Hass genutzt, um daraus Lebensenergie werden zu lassen. "Ihr gedachtet
es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen!" (1
Mos 50, 20 nach Luther) Hört aus dem ersten Buch Mose, Kapitel 50 eine
Übersetzung von Rabbiner Roland Gradwohl:
15. Es sahen die Brüder Josephs, dass ihr Vater tot war, und sie sagten:
"Wenn uns nur Joseph nicht befeindet und uns all das Böse vergilt, das
wir ihm angetan haben." 16. Sie ließen ihm auftragen: "Dein Vater hat
vor seinem Tod das 17. Folgende befohlen: "Sprechet so zu Joseph: So verzeih
nun doch die Schuld deiner Brüder und ihr Vergehen; denn Böses
haben sie dir angetan"- So verzeih nun doch die Schuld der Diener des Gottes
deines Vaters!" Und Joseph weinte als sie zu ihm gesprochen hatten. 18. Es
gingen auch seine Brüder hin und warfen sich vor ihm nieder und sprachen:
" Wir sind dir zu Sklaven!" 19. Da antwortete ihnen Joseph und sagte:
"Fürchtet euch nicht! Bin ich denn an Gottes Statt? 20. Ihr habt Böses
gegen mich geplant, Gott hat es zum Guten umgeplant, um zu tun, wie es heute
ist: ein zahlreiches Volk am Leben zu erhalten. 21. Jetzt, fürchtet
euch nicht! Ich werde euch ernähren und eure Kinder." Da tröstete
er sie und redete zu ihrem Herzen.
Joseph und seine Brüder, Stoff für Romane, - man könnte der
Geschichte auch die Überschrift geben: "Die Ungeliebten (Brüder)
und der Geliebte (Sohn)"Das Drama mit gutem Ausgang beginnt bei den Eltern:
Jakob liebt Rahel, bekommt aber Lea zuerst untergeschoben. Von den beiden
Töchtern Labans heißt es: "Lea's Augen waren ohne Glanz, Rahel
dagegen war schön von Gestalt und Angesicht." (1. Mos 29,17)
Sieben Jahre diente Jakob um Rahel "... und es kam ihm vor als
wären´s einzelne Tage, so lieb hatte er sie." (1 Mose 29,20). Aber
Laban versuchte Jakob zu betrügen und führt ihm als verschleierte
Braut die Ältere, Ungeliebte zu. "Am Morgen aber, siehe, da war es Lea
!" - Am Ende bekommt Jakob alle beide samt ihrer "Leibmägde".
Was geschieht? Die Ungeliebte ist fruchtbar. Zwischen Lea und Rahel entsteht
ein regelrechter Konkurrenzkampf ums Kinderkriegen. Die Mägde müssen
mit herhalten, dass sie "auf dem Schoß der Unfruchtbaren Gebären".
Nachdem Lea und die Mägde zehn Söhne und eine Tochter geboren haben,
wird Rahel schwanger "...und sie gebar einen Sohn und sprach: "Gott hat meine
Schmach von mir genommen!" und sie nannte ihn Josef." (1. Mos 30,24)
Josef, das Kind der Liebe. Durch ihn, den Geliebten, strömt der SEGEN.
Ist es nicht verständlich, dass die Brüder einen Hass auf Josef
entwickeln - wird er auch noch sichtbar bevorzugt von Jakob und erhält
als einziger vom Vater einen "bunten Rock"?! Sie müssen schuften, er
stolziert herum wie ein Pfau und erzählt seine Träume! Die literarisch
durchgestaltete Josefsgeschichte beginnt:
"Als nun die Brüder sahen, das ihn ihr Vater lieber hatte als alle seine
Brüder, wurden sie ihm feind und konnten ihm kein freundliches Wort
sagen." (1Mose 37,4) - Das Drama der ungeliebten Kinder nimmt seinen Lauf.
Und es wiederholt sich dasselbe Grundmuster wie beim ersten Bruderpaar der
Bibel, Kain und Abel. Der sich zurück gesetzt, ungeliebt, ungerecht
behandelt fühlt, wird von Hass erfüllt und erschlägt den
geliebten, bevorzugten Bruder.
Doch Abel steht auf in Josef, in J e s u s, in allen, die in innerer Verbindung
zu Gott stehen, verbunden mit einer geistlichen Nabelschnur, so dass die
Seele unverletzt bleibt, was auch immer Menschen ihnen antun.
Aus dem seelischen Verlangen, geliebt zu werden, entstehen auch heute noch
in unseren Familien die Dramen - wenn es wenigstens noch ein paar Kinder
gibt in einer Familie! Alice Miller hat in ihrer psychologischen
Biographieforschung diese Zusammenhänge erhellt und am Beispiel von
Hitler und Stalin aufgezeigt, wie Menschen zu Gewalttätern werden, um
ihr Urverletzung, nicht geliebt zu sein, gigantisch kompensieren. Die in
die Seele eingeritzte Verachtung wird entweder zur Selbstverachtung - oder
wütend abgeworfen und auf andere projiziert. Bis heute entsteht Hass
aus der Enttäuschung der tiefsten Sehnsucht, die im Menschen lebt: geliebt
zu werden. "Hass ist nicht das Gegenteil von Liebe," sagt Elie Wiesel als
Holocaustüberlebender, "sondern Gleichgültigkeit."
In der letzten Zeit wird immer wieder von erschreckenden Exzessen
familiärer Gewalt berichtet. Ich wage zu behaupten, sie haben alle einen
solchen Hintergrund. Aus gekränkter Sehnsucht nach Liebe werden Menschen
grausam gegen eigene Angehörige, bis hin zum Mord und Totschlag. Oder
sie reißen die, die sie verzweifelt lieben, mit in den Selbstmord.
"Wo ich am meisten geliebt, bin ich am meisten schuldig geworden!", sagt
Anna Achmatowa, die russische Dichterin des 20. Jahrhunderts; ihre Werke
hat sie über Jahre, Jahrzehnte im GULAG auswendig gelernt bewahrt.
Die seelische Dynamik der Liebe bzw. enttäuschten Liebe bildet den
Grundstoff nicht nur der Josefsgeschichte. - Wird uns eine Lösung angeboten?
Gibt es einen Ausstieg aus den Teufelskreisen, die aus gekränkter Liebe
entstehen? Das Erstaunliche ist ja: die Brüder haben immer noch Angst,
Josef würde es ihnen heimzahlen. Sie sind bereit, sich ihm als Sklaven
zu unterwerfen, um ihr Leben zu retten. "Lieber Sklave als tot!" ist ihre
ganz unfriesische Devise.
Und Josef weint. Kein Hass. Keine Verbitterung. Keine Rachegelüste.
- Weint er darüber, dass die Brüder ihm nicht vertrauen, Angst
vor ihm haben? Weint er darüber, dass sie sich aus Todesfurcht in eine
neue Lüge verstricken, indem sie sich auf die Autorität des
verstorbenen Vaters, ja, auf Gott selbst berufen, um Josef gütlich zu
stimmen? Dabei ist er längst versöhnt, hat er ihnen vergeben.
Das Wort im Hebräischen an dieser Stelle, das mit "verzeihen, vergeben"
übersetzt wird, hat die Grundbedeutung "tragen, ertragen". Vers 17 kann
dann so übersetzt werden: "Ach, (er)trage doch das Verbrechen deiner
Brüder und ihre Schuld, denn Unheil haben sie dir bereitet. Nun aber
(er)trage das Verbrechen der Knechte des Gottes deines Vaters!" Von hier
aus ist eine Brücke zu schlagen zum Wochenspruch, Galater 6, 2: "Einer
trage des andern Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen!"
Ist das die Lösung? Josef ist bereit, die Schuld der Brüder mit
zu tragen auch als seine Schuld - und, weiter zurück, auch als Schuld
des Vaters, der ungerecht war in seiner Liebe und deutlichen Bevorzugung
des Einen. - Bereit sein, Schuld mit zu tragen, auch wenn ich gar nicht schuldig
bin!
Aus der Einsicht in den Unheilszusammenhang, aus dem sich kein Mensch heraus
halten kann. Wir sind verstrickt, so oder so, aktiv oder passiv, mal so,
mal so! Dann kann das Hin- und Herschieben des schwarzen Peters aufhören.
"...Und vergib uns unsere Schuld!", heißt dann :"... trag mit uns unsere
Schuld!"
Gott selbst er/trägt uns. Gott selbst trägt mit an der Schuld.
Gott nimmt Schuld auf sich. - Darin ist Josef ein Vorläufer Jesu (vgl.
Apg 7,9ff). Gott selbst trägt mich mit meiner Schuld. So kann ich
aufhören, Schuld auf andere abzuwälzen. Gott schafft mir ein reines
Herz.
"Fürwahr ER trug unsere Krankheit ..." ( Jes 53,4) - Kein Sündenbock
soll mehr herhalten müssen, dass ihm die Schuld aufgebürdet wird.
- Ist das nicht auch in unseren familiären Konflikten und
Kränkungsgeschichten, die sich oft durch Generationen ziehen, die
Alternative zum Hin- und Her der Schuldvorwürfe, zum Verschweigen,
Verleugnen, unter den Teppich Kehren, nicht wahr haben Wollen, gleichgültig
Werden? Miteinander sprechen ohne Vorwurfshaltung. Nicht sich abschotten
und verhärten..."Mir kann keiner weh tun!"
Weinen. Miteinander weinen.
"Und er tröstete sie und redete freundlich zu ihrem Herzen."
Das heißt Schuld mit tragen, sich Zeit nehmen füreinander, wagen,
das Herz zu öffnen, einander die Geschichte der Seele erzählen.
Das kann man üben - im Verhältnis zu Gott, damit es dann auch im
Gegenüber zu einem Menschen möglich wird. Das Herz ausschütten.
Im Beten übe ich Versöhnung. Es gibt nichts, was ich da nicht los
werden kann. So werde ich innerlich mit Güte Gottes umhüllt und
kann endlich aussteigen aus dem Teufelskreis des Schuldzuschiebens. - Mit
einer Kirchenältesten kam ich ins Gespräch über dieses Thema.
Sie erzählte mir spontan, wie sie jüngst sich zutiefst gekränkt
fühlte durch einen Brief. Sie hätte gebebt vor Wut. Da sei ihr
ein Bibelvers in den Sinn gekommen: "Aber Du, Herr, bist der Schild für
mich, du bist meine Ehre...!" (Psalm 3,4) So fand sie wieder zum inneren
Frieden. Und sie sagt: Das Entscheidende ist doch, ob man das, was ein anderer
einem zufügt, auch sich selbst zuschreibt. Oder ob ich Worte in mir
trage, die mich schützen vor Verachtung / Selbstverachtung. - Geistliches
Aikido.
Einer hat aufgehört, die erlittene Verletzung heimzuzahlen, Schuld auf
andere abzuwälzen. Einer hat angefangen zu fragen: Was ist der Grund
dafür, dass mich Hass trifft? Woher kommt diese Energie? Denken wir
an Elie Wiesels Worte:"Nicht Hass ist das Gegenteil von Liebe..." Mit solcher
Energie ist etwas anzufangen! Sie muss nur verwandelt werden. Denn da steckt
Liebe hinter, allemal besser als Gleichgültigkeit.
In Josef ist diese Energie verwandelt worden, Rachegelüste, Hass- und
Angstenergie in inneren Frieden. Josef ist mit seinem Innersten, seinem
Unterbewusstsein angeschlossen an Gott. Aus dieser inneren Verbindung, dem
Beten und Träumen, erwächst die fürsorgliche Lebensweisheit,
das mit tragen und Trost spenden Können. Herzensgüte. Gotteskraft.
Gott ist größer, lasst Eure Herzen weit werden!
Am Ende spricht Gott auch mir ins Herz und weist mir den Weg, den ich gehen
soll?! (vgl. Jes 48,17 ; Ps 86,11) Wichtig: die Übergänge vom Schlafen
zum Wachen und vom Wachen zum Schlafen. Gott alles anvertrauen. "DU machst
es gut! Bringe DU alles zurecht!"
Wie die Heinzelmännchen zu Köln in der Nacht alles richten, herrichten,
so wirkt Gott in Dir, in Deinem Unbewussten. An dir ist es, Dich hinzugeben,
"in Gott hinein kapitulieren" ( Karl Rahner). Lass Gott Deiner Seele Flügel
geben jede Nacht! Träume, nimm deine Träume wahr! Und Gott wird
dir eine gute Lebensspur legen.
Gott ist allzeit bereit, wir aber sind unbereit; Gott ist uns nahe, wir aber
sind uns selber fern; Ich habe eine Kraft in meiner Seele, die Gottes ganz
und gar empfänglich ist. "Ich bin des so gewiss wie ich lebe, dass mir
nichts so nahe ist wie Gott! Gott ist mir näher, als ich mir selber
bin. Meine Seele hängt daran, dass Gott mir nahe und gegenwärtig
sei." (Meister Eckehart)
AMEN
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