Mitten in dieser Umbruchszeit hier in Keitum darf ich heute über
Abschied und Neuorientierung, über Zurückbleiben und Neues Wagen, über
Finden und Gefundenwerden sprechen.
Nicht weil ich es mir so ausgesucht hätte, sondern weil dies die Themen
des mir vorgegebenen Predigttextes sind, heute am 5. Sonntag nach
Trinitatis in der dritten Predigtreihe.
Dort wird erzählt, wie zwei Anhänger von Johannes dem Täufer diesen
verlassen und zu Jesus gehen und wie sie in ihm den erwarteten Retter
der Welt erkennen.
Ich lese aus dem Johannesevangelium:
1,35 Am nächsten Tag stand Johannes abermals da und zwei seiner Jünger; 1,36 und als er Jesus vorübergehen sah, sprach er:
Siehe, das ist Gottes Lamm! 1,37 Und die zwei Jünger hörten ihn reden und folgten Jesus nach.
1,38 Jesus aber wandte sich um und sah sie nachfolgen, und sprach zu ihnen: Was sucht ihr?
Sie aber sprachen zu ihm: Rabbi - das heißt übersetzt: Meister -, wo ist deine Herberge? 1,39 Er sprach zu ihnen: Kommt und seht!
Sie kamen und sahen's und blieben diesen Tag bei ihm. Es war aber um die zehnte Stunde.
1,40 Einer von den zweien, die Johannes gehört hatten und Jesus nachgefolgt waren, war Andreas, der Bruder des Simon Petrus.
1,41 Der findet zuerst seinen Bruder Simon und spricht zu ihm: Wir haben den Messias gefunden, das heißt übersetzt: der Gesalbte.
1,42 Und er führte ihn zu Jesus. Als Jesus ihn sah, sprach er:
Du bist Simon, der Sohn des Johannes; du sollst Kephas heißen, das
heißt übersetzt: Fels.
Liebe Schwestern und Brüder,
Johannes der Täufer tritt uns als erster entgegen. Der Prediger in der
Wüste. Er kündigt das Kommen des Retters an.
In Scharen kommen die Leute zu ihm in die Wüste, seinen gewaltigen
Predigten zu lauschen. Viele lassen sich von ihm taufen.
Als Zeichen der inneren Umkehr. Wie später auch Jesus schart er einige
Menschen um sich, die mehr wollen.
Seine Jünger. Sie wollen nicht nur einmal einen Ausflug in die Wüste
machen, den berühmten Prediger hören, sondern ihr Leben ganz verändern.
Eines Tages kommt auch Jesus. Johannes erkennt in ihm den erwarteten
Messias. Dieser ist es, spürt er, und das sagt er auch in seiner
Predigt an diesem Tag:
„Das ist das Lamm Gottes, das der Welt Sünde trägt.“ Wer weiß, ob einer
seiner Hörer versteht, was er meint.
Und zum Schluss ganz deutlich: „Dieser ist der Sohn Gottes.“ Und als er
Jesus am nächsten Tag wieder vorbeigehen sieht, sagt er noch einmal:
„Siehe, das ist Gottes Lamm!“ Daraufhin verlassen ihn zwei seiner
Jünger und gehen zu Jesus. Johannes bleibt zurück, seine Schüler gehen.
Er schaut ihnen nach. Wie schaut er? Traurig, enttäuscht? Oder
zufrieden und stolz? Er hat ihnen den Weg gewiesen.
Er hat ihnen den Sohn Gottes gezeigt. Er könnte sich jetzt entspannt
zurücklehnen, sein Lebenswerk ist getan. Das Wichtigste erreicht.
Aber: Loslassen ist schwer. Den rechten Moment finden. Selbst wenn Gott
ihn weist. Johannes macht weiter.
Die Bibel erzählt: später landet er im Gefängnis, und die Tochter der
Königin fordert sein Haupt für einen Tanz.
Wann ist es Zeit aufzuhören? Siehst du Zeichen dafür in deinem Leben?
Aufhören, wenn es am schönsten ist, stand gestern im Strandgut der
Sylter Rundschau,
wenn es am besten schmeckt. Bevor es eintönig wird. Oder bevor der
Abstieg beginnt. Oder bevor es zu viel wird.
Dann treten die beiden Jünger des Täufers in unser Blickfeld. Sie haben
den Hinweis gehört: „Dieser ist der Sohn Gottes.“
Als sie es zum zweitenmal hören „Das ist Gottes Lamm“, beschließen sie
zu handeln. Sie folgen Jesus.
Zeichen und Hinweise im Leben – in deinem, in meinem. Vielleicht das
Wort eines Freundes, ein Traum in der Nacht,
eine „zufällige“ Begegnung und eine uns erstaunende Bemerkung. Chancen,
die wir ergreifen können.
Mögliche Lebenswenden. Hier kann sich etwas entscheiden. Wohin geht
mein Weg? Hast du die Zeichen in deinem Leben wahrgenommen und die
Chancen ergriffen?
Wenn nicht, so folgen sie uns, beschäftigen uns noch lange. Wir hätten
es versuchen können. Das Leben wäre anders verlaufen.
Das war. Zieh einen Schlussstrich! Aber jetzt? Wenn du wieder einen
Hinweis bekommst? „Freund, so du etwas bist, so bleib doch ja nicht
stehn.
Man muss aus einem Licht fort in das andere gehen.“ lädt Angelus
Silesius, Lyriker der Barockzeit, des 17. Jh. ein.
Aus einem Licht fort in das andere gehen. Die Jünger des Johannes
folgen dem Hinweis des Täufers.
„Was sucht ihr?“ Jesus fragt sie. Suchen sie denn etwas? Haben sie sich
das schon selbst gefragt? Er fordert sie heraus.
Kommt, sagt, worum es euch geht. Wenn er uns fragen würde, was würde
ich sagen? Und was du? Was suche ich denn in meinem Leben?
Was ist es, was ich mir wünsche? Wo spüre eine große Sehnsucht in mir?
Jesus fragt sie. Keine rhetorische Frage. Sie sollen wirklich
antworten.
Und das tun sie. Eine merkwürdige Erwiderung: „Meister -, wo ist deine
Herberge?“ Wo wohnst du? Was für eine Frage! Wie neugierig!
Das ist doch Jesu Privatbereich! Denken wir möglicherweise. Ein Freund
von uns, Pastor, hat mit seiner Frau die liebgewonnene Landgemeinde
verlassen,
weil ganz oft Menschen ohne zu klopfen oder zu klingeln in ihrer Küche
und manchmal gar im Schlafzimmer standen.
Meister, wo wohnst du? Aber erstaunlich: Jesus erwidert nicht: Das geht
euch nichts an!, sondern er sagt das Wort, das ihr Leben verändern
wird:
Kommt und seht! Er lädt sie ein.
Denn hinter dieser Frage „Meister – wo ist deine Herberge“
verbirgt sich mehr. Unser Wohnen erzählt auch etwas von uns selbst.
Der Mönch in der Zelle hat nur das Lebensnotwendigste in diesem kleinen
Raum. Einen Tisch, ein Bett, einen Schrank. Über dem Bett das Kreuz.
Er ist in diesem Leben ja auf der Durchreise. Wer in einem Schloss oder
einer großen Villa lebt, zeigt, dass er repräsentieren muss.
Wer hier auf Sylt ein Ferienhäuschen bewohnt, ohne Hausnummer und ohne
seinen Namen an der Tür, weist alle ganz deutlich daraufhin:
wenigstens hier möchte ich allein sein, privat, ohne Beobachtung.
Wenn eine Familie von fünf Personen in zwei Zimmern wohnt, dann ist
klar, dass sie zum Leben nur das Nötigste hat;
ihr Leben ist ein Kampf ums Überleben. Und im Zimmer eines Jugendlichen
zeigen uns die Bilder an den Wänden die Vorbilder und Interessen und
die
Unordnung sagt uns: Ich will die Welt entdecken, erkunden, will lernen;
für so unwichtige Dinge wie Ordnung schaffen, sortieren, in ein System
bringen,
ist gerade kein Platz. Meister, wo wohnst du? Die Frage der
Johannesjünger heißt auch: Was ist dir wichtig im Leben?
Wie hast du dich im Leben eingerichtet? Was ist deine Lebenshaltung?
Das griechische Wort menw meint nicht nur wohnen, sondern auch bleiben,
in etwas bleiben, in einer Lebenshaltung: „Und wer in der Liebe bleibt,
der bleibt in Gott.“, heißt es an anderer Stelle in der Bibel.
Auch hier steht menw. So ist die Frage an Jesus „Wo wohnst du, wo
bleibst du?“ auch die Frage nach seinem geistigen Zuhause, seinen
Lebenseinstellungen,
seinem Glauben. Wer bist du? Was trägt dich im Leben? Wo willst du hin?
„Kommt und seht!“ Die beiden werden eingeladen, Jesus öffnet
ihnen die Tür, lässt sie herein in seine Wohnung und in sein Leben.
Wem öffne ich die Tür, wen lasse ich hinter meine Kulissen schauen? Wo
es geschieht, entsteht oft Freundschaft. Wächst ein Gefühl der
Zusammengehörigkeit.
Nicht Abgrenzung, sondern sich öffnen, zeigen, wer ich bin, sich offen
legen und offenbaren. Wohl nicht für jeden und nicht zu jeder Zeit,
aber hier und da.
Jesus war an diesem Tag so einladend und zugewandt. Das war er nicht
immer. Aber an diesem Tag. Den ganzen restlichen Tag waren sie
zusammen.
Es ist der Tag, an dem sich das Leben dieser beiden Männer, die bisher
dem Täufer folgten, wandelt. Am Ende dieses Tages sagen sie:
„Wir haben den Messias gefunden.“ Und bleiben bei ihm. Jesu erste
Jünger.
Wo Menschen den Schritt aufeinander zu wagen, sich ihre Türe öffnen,
von sich erzählen, wächst Gemeinschaft und christliche Gemeinde.
In den Gesprächsabenden ist das hier über Jahre geschehen. Wo sonst? Es
kann das offene Pastorat sein, es können – wie bei vielen Hauskreisen –
die offenen Türen der Gemeindeglieder sein,
und die Türen, die sich bei Besuchen öffnen. „Kommt und seht“ ist das
Zauberwort, mit dem Jesus die Menschen einlädt.
In der Einladung zum Abendmahl hören wir diese Worte immer wieder.
„Kommt, …schmecket und sehet, wie freundlich der Herr ist.“
Der dritte und letzte, dem wir in diesem Text begegnen, ist
Simon Petrus. Sein Bruder hat ihm erzählt: „Wir haben den Messias
gefunden.“
Und Simon geht hin, er will ihn sehen. Und wird selbst gefunden. Jesus
spricht mit ihm und gibt ihm dann einen neuen Namen. Du sollst Kephas
heißen.
Petrus heißt das auf griechisch, ins Deutsche übersetzt „Fels“. Der
neue Name: Fels. Und das zu Petrus. Er ist nun wahrlich kein Fels.
Eher ein schwankendes Blatt im Wind. Er nimmt so gern den Mund voll.
Aber wenn es ernst wird, dann zögert und zweifelt er. Er ist schnell zu
begeistern,
aber dann wird er schwankend. Du sollst Fels heißen. Der neue Name ist
Zusage und Herausforderung. So könnte ich sein. Einer traut es mir zu,
so zu sein.
Jesus findet Petrus. Er traut ihm viel zu. Später wird Petrus es
einlösen. Immer wieder mit Rückschlägen und Selbstzweifeln.
Jesus sieht jetzt schon etwas an Petrus, was dieser selbst noch nicht
sieht.
Hast du das nicht auch erlebt, dass dir einer etwas zutraut, was du
selbst nicht wagst? Der Vater ermutigt das Kind, allein zum Einkaufen
zu gehen.
Die Lehrerin vergibt die Hauptrolle im Theaterstück an den, der sonst
immer nur stört. Der Chorleiter traut dem Chormitglied zu, eine
Solostelle zu singen.
Du hast Gaben, du kannst es! Ein anderer sieht es schon an dir. Der
neue Name will Petrus herausfordern, auch diese Seite seines Lebens
hervorzukehren,
stark und verlässlich zu sein. Jesus entdeckt Petrus. Petrus lässt sich
ein, geht mit, wächst über sich hinaus.
Wird einmal der erste Bischof von Rom, der erste Papst. Du sollst
Kephas heißen, Fels, Petrus. Das Zutrauen macht ihn stark.
„Freund, so du etwas bist, so bleib doch ja nicht stehn. Man muss aus einem Licht fort in das andere gehen.“
Auch du und ich, wir sind eingeladen aus einem Licht in das andere zu gehen. Nutze deine Möglichkeiten. Gott schenkt sie dir.
Amen.
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