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Keitumer Predigten am Heiligabend 2005
Der Esel und die Farbe Grau
(Predigt: Pastorin Zingel)
Gnade sei mit und euch und Friede von Gott, der uns besucht wie ein aufgehendes
Licht aus der Höhe. Amen
Liebe Gemeinde,
Wer die Nordsee liebt, der mag auch die Farbe grau. Der weiß, es gibt
1000 Variationen. Wer hier lebt, der weiß es. Wenn ihr hierher kommt,
um Weihnachten zu feiern, dann freut sich wohl jeder über strahlende
Sonne. Aber wenn es grau in grau verhangen ist, dann wundert es Euch doch
auch nicht. Damit ist zu dieser Jahreszeit zu rechnen. Und man kann es lieben.
Das Licht leuchtet umso heller. Jeder, den es hier wieder und wieder herzieht,
der weiß, wie lebendig grau sein kann. Das Meer unter Wolken, die Gischt,
das Watt, wie viele Spiegelungen, wie viele Grautöne zwischen Himmel,
Meer und Erde.
Ganz besonders wenn der Himmel aufreißt und die Sonne hervorkommt
unvermutet oder wenn Morgengrauen, Abendsonne alles rot und warm beleuchtet.
Dann wird das grau schön. Dann gibt es hier kein Grau in grau, ist nichts
tot wie Asche, Staub, Tristesse und Ruß, sondern es ist voller Leben.
G r a u: Im Stall von Bethlehem gab es keine strahlenden Farben. Es war da
grau, - - - graubraun . . . Dass das Kind in reinlichen Windeln dalag, muss
extra besungen werden, denn es ist zu bezweifeln. Die Hirten tragen die Wolle
der Schafe, verfilzt, verwebt. Sie sind selber grau geworden, sehen älter
aus als sie sind, denn ihr Leben ist hart.
Josef passt gut zu ihnen, als wäre er einer von ihnen. Und Maria wollte
nur für sich sein. Und keiner sah in ihr die Himmelmadonna, mit rotem
Samt und blauer Seide. Erst viel später werden die Könige kommen.
Ob sie dann wirklich in prächtigen Gewändern kommen oder eher
müde und verstaubt nach weitem Weg? Heute sind sie noch nicht einmal
am Horizont zu sehen. Heute gibt der Esel im Stall den Farbton an. Das Tier
der Armen, ihr Freund, das Grautier.
Grau in Grau, Wer einmal einen zutraulichen Esel getroffen hat, der kann
etwas erzählen von dem Glück, wenn so ein Grautier ganz warm dir
in die Hände hineinatmet und du staunst, wie weich das ist. So samtweich
kann ein Esel sein. Er schaut dich ganz ruhig an. Er hat mehr getragen als
du. Er versteht dich, sieht dich an, und du wunderst dich: Wie kommen die
Menschen darauf? Warum verbinden sie Grau mit Grauen, mit Grausamkeit und
Grausen?
Vor gut einer Woche war in der Süddeutschen zu lesen, die Farbe Grau
liege über unserem Land. Dahinter stand eine Assoziationskette. Denn
als die neue Langzeitstudie "Deutsche Zustände" vorgestellt wurde, da
regnete es über Berlin. Und der Journalist Tobias Matern schaute aus
dem Fenster, als er sich anhörte, was der Gewaltforscher Willhelm Heitmeyer
zu sagen hatte. Es klang nicht gut, was da aufgezählt wurde: Die Deutschen
und das sind ja wir, die Deutschen werden ängstlicher, fremdenfeindlicher,
orientierungsloser. Zu beobachten sei ein machtloses Verzagen gegenüber
den Starken in der Gesellschaft verbunden mit Demonstration von
Überlegenheit gegenüber Schwachen, Obdachlosen, Muslimen,
Homosexuellen, Juden oder Fremde. Das ist alles zusammen ziemlich viel. Tobias
Matern schaute aus dem Fenster: Es regnete: Grau ist den Ausführungen
zufolge auch die gesellschaftliche Großwetterlage. Das heißt
alles verschwimmt ineinander, wird grau in grau, Obdachlose, Muslime,
Homosexuelle, Juden oder Fremde, alles in einem Atemzug. Wir haben die Frauen,
die Alleinerziehenden und die Behinderten vergessen.
Was sagt der Esel aus Bethlehem dazu: Das soll er sein: Sein graues Fell
hat irgendetwas zu tun mit Grauen, mit Angst, Unsicherheit Überlegenheit
gegenüber Schwachen? Grau in Grau, alles verschwimmt, vermischt sich.
Der Esel hat Maria getragen. Er weiß, was es heißt eine Last
zu tragen. Auf dem Weg nach Bethlehem war er überrascht. Sie machten
Pausen, bevor er müde wurde. Es war Maria, die nicht mehr weiter konnte.
Auch später: Auf dem Weg nach Ägypten, es war ein Leichtes, die
beiden zu tragen: Mutter und Kind. Man war ja kaum losgegangen, da machten
sie schon wieder einen Halt. Der Esel war erstaunt. Er kannte nur Menschen,
die hatten ihn angetrieben, angeschrieen, er solle schneller gehen. Aber
noch nie hatte er das miterlebt, die Geburt eines neuen Menschen. Und er
war sehr überrascht, dass ein Mensch so klein sein kann, dass ein Mensch
so schutzlos auf die Welt kommt. Der Esel kriegte es gar nicht zusammen,
dieses kleine Wesen in der Krippe und die ausgewachsenen Menschen, die immer
nur kommen zum Ackern, zum Antreiben, zum Aufladen und Bepacken.
Dom Helder Camara, der wunderbare Bischof aus Recife in Brasilien, der hielt
einen Vortrag vor Studenten. Sie erwarteten mit Spannung Visionen,
gesellschaftliche Analysen.. Aber Helder Camara kam ganz leise, ohne Feuerwerk,
sondern einfach mit dem Gebet: "Christus, lass mich dein Esel sein! Lass
mich einer sein, der dich zu den Menschen trägt." Und dass ist einer
mit einem grauen Fell.
Es ist einer bereit, einen anderen zu tragen, Christus, in ihm jeden Menschen,
jede Last. Sich einzubringen, alles dran zu geben, auch wenn es Mühe
ist, müde macht, dir graue Haare wachsen. Lass mich dein Esel sein,
das ist einer ohne Angst, dass das Leben dich mitnimmt, grau macht. Aber
nur wer etwas davon weiß, kann widerständig sein und wird mitgenommen
nach Bethlehem, wie der Esel.
Ein Esel ist nicht dumm, die Weisheit der Weisen wird übertroffen von
einem, der die Grautöne unterscheiden kann. Nur einer, der etwas von
Grau versteht, kann die entlarven, die alles grau in grau rühren, alle
Geschichten zusammenmischen und Trostlosigkeit verbreiten. Genauso
widerständig gegen die, die Menschen trennen. Wieoft erinnern wir heute
Bethlehem und wissen quer durch den Ort wurde gebaut eine riesig hohe graue
Betonmauer, trennt Menschen, Familien. Eine graue Mauer . . .
Nur wer die Grautöne unterscheiden kann, wer bereit ist, wie ein Esel,
Lasten zu tragen, wird diesen grauen Kräften etwas entgegensetzen
können. Kann begreifen:
In Gott hört das Schwarz-Weiß Denken, das Oben und unten auf.
Er rührt nichts ineinander, er trennt aber auch nicht voneinander. Vor
Gott und in Bethlehem gehören Hirten und Könige zusammen. Die Kleider,
die du trägst, sagen nichts über dich aus. Deine Niederlagen
können dir zur Ehre gereichen, deine Erfolge können dich
beschämen. Denn es kommt einer, der sagt, die Sünder sind Gottes
Freunde, und die Verlorenen sind ganz nah am Heil . . . Und Licht und Schatten
sind nicht eindeutig getrennt. Die im Dunklen sieht man nicht, aber es sind
Gottes Kinder. Gottes Sohn kommt in Armut zur Welt, vor ihm sind Hirten und
Könige gleich. Gleich, nicht egal und schon gar nicht gleichgültig.
"So Gib mir deine Gnade Christus und lass mich dein Esel sein", lass mich
erkennen, es ist nicht dumm, die Weisheit Gott kommt in einem grauen Gewand,
damit wir leuchten, Denn es wird offenbar, wir sind Kinder Gottes, jeder
für sich und alles zusammen. Gott stellt uns durch diese Geburt in ein
neues Licht: Grau hat tausend Facetten: du wirst schön und wer immer
neben dir steht, ihr seid verwandt. So lasst uns beten dass der Tag kommt,
wo sich alle Menschen so begegnen. Gott wird Mensch. Er gebe uns seine Gnade,
dass wir Ihm auf seinem Weg folgen. Dass sein Friede höher als alle
Vernunft, Herz und Sinne bewahre in Christus Jesus unserm Herrn. Amen
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