St. Severin Kirche zu Keitum
                                                                                                                                                                                                  
 

   
Predigt am Silvesterabend 2008 Pastorin Susanne Zingel PDF Drucken

Gnade sei mit euch und Friede von dem der da war, der da ist und der da kommt.

Liebe Gemeinde,

am Silvesterabend vor einem Jahr haben wir hier in der Kirche das Jahr 2008  als Jahr der Mathematik begrüßt. Ausgerufen wurde es von dem Bundesministerium für Bildung und Forschung und von Forschungsstiftungen.  Da sitzen kluge Leute zusammen. Die haben sich dabei etwas gedacht: 2008 - das Jahr der Mathematik. Weitsichtig und klug hätte man schon am Silvesterabend ahnen und sehen können, was da auf uns zurollt. Wir haben am Silvesterabend 2007 das Hexeneinmaleins von Goethe zitiert, denn: 
„Du mußt verstehn! Aus Eins mach' Zehn,
Und Zwei lass gehen, Und Drei mach' gleich,
So bist du reich.  Verlier' die Vier!
Aus Fünf und Sechs, So sagt die Hex'
Mach' Sieben und Acht, So ist's vollbracht:
Und Neun ist Eins. Und Zehn ist keins.
Das ist das Hexen-Einmaleins!“
Mit dem vergangenen Jahr haben wir einiges dazu gelernt:
Aus Eins mach' Zehn, Und Zwei lass gehen,
Und Drei mach' gleich, So bist du reich.
Doch wähne dich nicht in Sicherheit, verlier die vier, und frage dich, wie es weitergeht.
Das Jahr 2008 wird als Beginn einer Wirtschafts- und Finanzkrise in die Erinnerung eingehen. Wie die Dinge sich weiterentwickeln werden, ist offen. Die Historiker und Wirtschaftsexperten gehen weit zurück bis in die zwanziger Jahre des vorigen Jahrhunderts, um Vergleiche zu ziehen. Und jeder weiß doch, die Welt verändert sich so schnell und rasant, es wird nichts sein, wie es schon einmal gewesen ist.

2008 haben wir miterlebt, wie Prognosen wie Seifenblasen zerplatzen, einen  Finanzmarkt, der sich aufbläht und dabei an seine Grenzen kommt. Wir haben noch einmal neu die Macht des Geldes gespürt. Die Angst, die das auslöst, wenn deutlich wird, die Umstände ändern sich, der selbstverständlich geglaubte Fluss des Geldes kommt ins Stocken. Was geschieht dann? Es erschüttert viele in den Grundfesten und es ist wahr, immer mehr Menschen geraten in Not.
Ein Familienvater zertrümmerte diese Tage in Hamburg die Einrichtung einer Apotheke. Er ist völlig außer sich geraten. Er hatte für 50 € ein Fieberthermometer gekauft, mit dem er nicht zurecht kam. Vielleicht war es aber auch defekt. Als er es zurückgeben wollte, kamen er  und der Apotheker mit Umtausch, Reklamieren oder Kulanz nicht zurande. Vielleicht hätte es gereicht, ihm das Gerät zu erklären, aber es war einfach zu viel. Er rastete aus - Seine Nerven völlig am Ende, die Frau schwanger, eine schwere Operation steht bevor, das Kind ist krank und schreit die ganze Nacht. Am Ende mit den Nerven . . .  und dann funktioniert das Thermometer nicht. 

Diese Geschichte ist wie ein Symptom für überhitzte Gemüter, erhitzte Debatten und fieberhafte Suche nach Lösungen. Es würde den Beteiligten wie Hohn vorkommen, käme man ihnen zu nahe mit dem Wort des Jesaja: „Durch Stillesein und Hoffen werdet ihr gerettet werden.“ Und ihr werdet es, denn in der Stille, im Innehalten, im Verlangsamen liegt eine Quelle der Kraft und der Klarheit: Los zulassen und zu erkennen, was überflüssig ist. Sich zu verabschieden von dem, was nicht notwendig ist und sich immer wieder neu dem zu öffnen, was Leben verspricht. „Durch Stillesein und durch Hoffen werdet ihr gerettet.“ Jesaja in seiner Zeit schreibt weiter: „Aber ihr wollt nicht, ihr wollt auf Rossen dahinstürmen.“ Bei allen Vorschlägen übertragen auf unsere Zeit, bei allen Verschlägen, wie der Fluss der Kredite wieder ins Strömen gebracht werden kann, kommt man doch ins Staunen, wie viel sich dabei um Fahrbares dreht. Weniger Rosse, auf denen wir reiten, aber Autos um deren Produktion und Verkauf sich scheinbar alles dreht. Hier auf Sylt reicht es ja schon, einen Nachmittag spazieren zu gehen und den Autozügen hinterher zuschauen, um sich zu fragen, welchen Stellenwert hat das Auto für uns: Unterwegs zu sein, jeder schnell seinen eigenen Weg und möglichst noch mit Vorfahrt.

Wir hier in der Kirche kommen nicht nur heute Abend zusammen und  erzählen immer wieder von dem Kind, das in Armut geboren wird am Ende der Welt und das aus Armut und Niedrigkeit heraus die Welt erlösen wird. Und es predigt schon, bevor es erwachsen wird, bevor es mit großen und heilsamen Worten Menschen zurecht bringt.  Es predigt schon als Kind in der Krippe, dass es verwandt ist mit allen Kindern in Bethlehem, die Herodes verfolgen wird, mit allen Kinder dieser Welt heute geboren. Es ist verbunden mit den Leiden dieser Kinder, mit ihren Nöten, mit ihren wunderbaren Begabungen. Sie sind uns Aufgabe und Hoffnung zugleich, dass nicht das Geld, sondern das Wohl der Menschen angefangen bei den Kleinsten Maßstab unseres Denkens und unseres Handelns sei.
Geld ist eine Erfindung von uns Menschen. Es ist ein Medium – und nicht mehr - um auszuloten, was kostbar ist. Was begrenzt ist, das ist wertvoll.  Nun sind wir wirklich – das muss man zugeben -  viele Menschen auf diesem kleinen blauen Planeten. Aber eins sind wir nicht: Nie und nimmer sind wir ein billiges Massenprodukt. Jeder Mensch trägt in sich ein so großes Potential, zu glauben und zu hoffen und zu lieben. Jeder Mensch macht sich auf den Weg, sein Leben mit Sinn zu erfüllen. Jeder  Mensch ist eine Hoffnung, dass wir einander sehen im Lichte Gottes, als Gottes Ebenbild.

So erzählt es auch die Geschichte von den drei Weisen, die jetzt noch unterwegs sind und ihrem Stern folgen. Wenn wir auf die Weisen unserer Tage hören, dann können wir ja mal fragen, was haben sie zu dem neuen Jahr 2009 gesagt? Welche Wissenschaft empfehlen sie dem neuen Jahr. Wir können auch erst einmal selbst überlegen, was würden wir selbst vorschlagen?  Vielleicht etwas sozialwissenschaftliches oder Psychologie?
Sie haben lange zusammengesessen die Weisen. Es hat zwei Kommissionen gegeben. Es gibt ein internationales Jahr der Wissenschaften und das ist gewidmet der Astronomie. Das passt doch zu unseren drei Königen, die auf dem Weg sind. Man kann jetzt flapsig sagen, „Es steht halt in den Sternen, was werden wird.“ Aber das ist ja genau genommen Astrologie. Astronomie, das heißt mit Weisheit weit, weit über den eigenen Horizont hinaus zuschauen. Ein wunderbares Vorhaben für 2009.
Und dann gibt es noch das bundeseigene Wissenschaftsjahr. Auch da hat die Weisheit gewaltet. Denn die Weisen haben sich nicht für eine Wissenschaft entschieden, sondern haben aufgerufen zur „Forschungsexpedition Deutschland“.  Also interdisziplinär mögen sich alle beteiligen, die Zukunft zu gestalten. Es ist eine Einladung an uns alle, dass wir uns auf eine Expedition  begeben, dass wir das neue Jahr als ein Unternehmen begreifen, aufzubrechen, Neues zu erkunden und zu  erforschen. „Expedition“, das Wort kommt von „Aufbrechen“,  „Befreien“ - etwas freilassen, was eingesperrt war. Es kommt von „Ordnen“ und „Beseitigen“ - etwas hinaus expedieren. Eine Expedition hat immer damit zu tun, dass wir uns von Altem verabschieden. Ein altes Pilgerlied beschreibt es so: „Bevor ich aufbreche, muss ich über mich nachdenken. Ich werde die Mauer durchbrechen, die mich in mir selbst gefangen hält. Es ist die Zeit der Sünde, in die ich eingeschlossen bin, solange ich Buße tue, bin ich wohl verwahrt.“
Das ist alte mittelalterliche Sprache. Sie kommt aber zum Klingen in dieser Kirche, die noch älter ist. Es ist klug, bei sich selbst anzufangen, nachzudenken, über das, was uns in uns selbst zurückhält. Sei es Gewohnheit oder Trägheit oder mangelnde Phantasie, die uns sagt, es möge doch alles so bleiben, wie es ist. Aber das muss es nicht, und das wird es nicht. Unsere Welt ist in einem radikalen Umbruch begriffen. Gut ist es,  wenn wir das erkennen. Sind wir Christen doch berufen in kritischer Distanz zu den Verhältnissen dieser Welt zu leben. Zu erinnern, wir sind Kinder Gottes, und die anderen sind es alle auch.  Wir suchen die zukünftige Stadt und entdecken ab und an das Himmelreich auf Erden. Bei der Forschungsexpedition 2009 wird auch ein Wettbewerb ausgeschrieben, gesucht werden „Orte der Geistesblitze“. Ein Blitz verbindet Himmel und Erde. Es gibt eine unerträgliche Spannung zwischen Gottes Gedanken und unseren Wegen, aber es ist auch möglich, dass der Funke überspringt, und es hell wird. Das ist ein wirklich guter gesegneter Neujahrswunsch: „Möge dort, wo du bist, ab und an ein Geistesblitz Himmel und Erde verbinden. Möge Gott dich segnen mit seinem Geist, dass mitten in unseren Erwartungen und Hoffnungen und auch mancher Sorge, sich auftut das Land der Verheißung und Gottes Friede höher als alle Vernunft unsere Herzen und Sinne bewahrt in Christus Jesus unserm Herrn.


Lesung

Denn so spricht Gott der HERR, der Heilige Israels: Wenn ihr umkehrtet und stille bliebet, so würde euch geholfen;  durch Stillesein und Hoffen würdet ihr stark sein. Aber ihr wollt nicht  und sprecht: »Nein, sondern auf Rossen wollen wir dahinfliehen«,
Jesaja 30,15-16

Laßt eure Lenden umgürtet sein und  eure Lichter brennen und seid gleich den Menschen, die auf ihren Herrn warten, wann er aufbrechen wird von der Hochzeit, damit, wenn er kommt und anklopft, sie ihm sogleich auftun. Lukas 12,35f

 
 
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