St. Severin Kirche zu Keitum
                                                                                                                                                                                                  
 

   
Predigt am Volkstrauertag 2008 Predigt Pastorin Zingel PDF Drucken


„Christus ist unser Friede“ Epheser 2, 14

Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da war, der da ist und der da kommt. Amen
Liebe Gemeinde,
da haben die Menschen nicht schlecht gestaunt. Am Mittwoch konnten sie in einer Sonderausgabe der New York Times lesen, der Irak Krieg sei zu ende. Die Soldaten kehren zurück, die Gefangenen sind frei. Condoleza Rice entschuldigt sich, Georg W.  Bush verantwortet sich.
Das konnte nicht wahr sein, und doch waren viele sofort bereit, die Botschaft zu glauben und den Frieden auszurufen. Man musste genau hinschauen, um zu erkennen: „Das  ist gar keine echte New York Times.“  Es ist aber auch keine Falschmeldung, denn oben in der Kopfzeile, wo sonst das Datum steht, war zu lesen: „All the news we hope to print.“ „Hier steht alles drin, was wir hoffen noch drucken zu dürfen“, denn heute ist der Anfang von morgen, 4. Juli. Das war eine Aktion der „Yesmen“, der „Ja – Leute“ – Menschen, die „Ja“ zum Leben sagen. Sechs Monate haben sie daran gearbeitet, um auf eine pfiffige Art Menschen zu irritieren. Sie fragen mit ihrer Aktion alle, ob sie sich der verrückten Hoffnung anschließen, dass Friede möglich ist, dass auch wo alles verfahren und aussichtslos scheint, es doch möglich ist, Feindschaft zu beenden, sich die Hand zu reichen, sich zu versöhnen.
Wir gedenken heute der Opfer, der Toten, stehen an Gräbern, legen Kränze nieder. Wir setzen uns der Wahrheit aus, dass wir nichts tun können, um Vergangenes ungeschehen zu machen. Gedenken  und Erinnern lässt uns die Ohnmacht spüren, denn niemand wird wieder lebendig, niemand steht auf, kommt zurück. Aber sie sind doch lebendig, die Toten, die Opfer. Sie sind lebendig durch die Liebe, die Erinnerung ihrer  Angehörige, die sie niemals vergessen, die aber auch weniger werden. Es sind mehr und mehr Briefe, Dokumente, Bilder, die anrühren, Geschichten erzählen und Schicksale lebendig machen. Der Kreis der Zeitzeugen wird immer kleiner und umso mehr sind wir es, die dafür einstehen, dass aus Erinnerung und Erschütterung,  auch Hoffnung erwächst und die Bereitschaft, für den Frieden einzustehen. 
„Möge seine Seele eingeflochten sein in den Kreis der Lebenden.“ Diese Bitte ist in die Stelen der 3000 in Frankreich gefallenen deutschen Soldaten jüdischen Glaubens eingraviert. Sie stehen zwischen mehr als 500 000 Kreuzen und man möchte es auch auf jedes Kreuz schreiben: „Möge seine Seele eingeflochten sein in den Kreis der Lebenden.“ Es mahnt uns, diesen Kreis zu schließen, den Kreis der Lebenden. Das wir nicht einsam und allein bleiben mit unserer Meinung, mit  unseren ganz persönlichen Ansichten. Sondern dass wir miteinander verbunden sind im Kreis der Lebendigen, die die Vergangenheit erinnern, auf dass daraus Hoffnung und Weisheit wachsen möge. 
Diese Verbundenheit erwächst an dem tiefsten Punkt unserer Seele, wo wir glauben, ganz allein zu sein.  Wer einen geliebten Menschen verliert, wer trauert, sich ohnmächtig fühlt, der ist wie ganz verlassen. Viele haben die Erschütterung verschlossen in sich als etwas einsam Versteinertes, wie ein Grab. Aber am Punkt tiefer Berührtheit kann auch die Kraft zum Frieden reifen. Das ist möglich, und darum sind wir heute zusammen. Bis heute gehen uns betroffene Angehörige, besonders Mütter, in ihrer Bereitschaft für den Frieden einzustehen, voran. 
Barbara Gladysch ist eine von ihnen. Sie verlor durch den zweiten Weltkrieg ihre Mutter und wuchs allein auf mit einem Vater, der nach dem Krieg so hart und versteinert war, dass Barbara ihre Kindheit als die schrecklichste und traurigste Zeit ihres Lebens bezeichnet. Heute ist sie mehrfach ausgezeichnete Friedenskämpferin, wurde schon für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen und steht ein für die ganz einfache Wahrheit: „Wir haben die Verantwortung für alles Lebendige, für Natur und Menschen, vor allem für unsere Kinder", "Wir haben keine "Feinde", wir erklären jedem den Frieden; alle Kinder sind unsere Kinder; Mütter in allen Erdteilen sind gleich, wir sind uns gleich."
Diese Wahrheit ist genauso einfach, wie es schwer ist, danach zu leben, dafür einzustehen. Darum kommen wir hier zusammen. Wir bestärken uns und erinnern uns, wir sind nicht allein-  Christus ist uns zur Seite gestellt, nicht als Wahrheit, nicht als Garant, dass wir alle verwandt sind, sondern als Bruder, als Freund, als Gefährte.  Christus -  unser Friede, menschgewordener Friede, der jeden von uns an die Hand nimmt und leitet, dass wir nicht müde werden, sondern dabei bleiben. Dass wir immer wieder zurückkommen in den Kreis der Lebendigen und uns weiter einlassen auf das mühsame Geschäft des Miteinanders, des  Friedens, Christus ist der menschgewordene Friede. Die Botschaft einfach, und doch ist dieser Friede höher als alle Vernunft. Jesus hat damals die Menschen irritiert, so unverschämt  neu, unerhört war alles was er tat. Frech, aber nicht dreist und übermütig ist es ihm gelungen, Menschen ihre eigene Verbohrtheit vor Augen zu führen. Er hat sie an die Hand genommen, herausgeführt und oft zum Lachen gebracht. Er hätte seine Freude an den Yesmen, sie sind in ihren Aktonen dem Geist Jesu ganz nah. Eine ihrer ersten Aktionen war ein Eingriff in die Spielwarenindustrie. Es ist ihnen gelungen, in der Herstellung der Barbipuppe, die wir alle kennen und einer Soldatenfigur, einer GI-Puppe die eingebauten Stimmmodule zu vertauschen. Herausgekommen ist Barbie, die in ihrer rosaroten Scheinwelt mit tiefer Männerstimme militärische Kommandos und Befehle gibt. Auf der anderen Seite steht ein Soldat, der zuckersüß verkündet, dass er seine Freundinnen zu einer Party einlädt. Diese Puppen wurden  bestimmt schnell zurückgerufen, Aber man stelle sich vor, als sie etwas ausgepackt wurden. Wie sinnlos und absurd, aber auch zum Schmunzeln das ganze war. Und vielleicht in den Familien ein guter Grund über feste Rollenbilder und Friedenshoffnung zu reden.
Dazu braucht es einen Anstoß. Christus hat ihn gegeben. Und er wirkt weiter vielfältig, und einmalig durch jeden von uns neu, wenn wir uns Anstoßen lassen.
Wie Hanns Dieter Hüsch es schreibt: 
Lasst die Liebe blühen, dass der Frieden wächst.
Befreit den Menschen, damit er von den Ansichten lässt
und die Meinung einstellt. Und sagen kann:
Ich bin für Dich und nicht gegen Dich.
Ich bin mit Dir und nicht vor Dir oder nach Dir.
Ich bin neben dir und nicht über Dir.
Ich bin bei Dir, auch wenn Du gegen mich bist.
Lasst uns Feinde in Freunde verwandeln.
Viele sagen, das sei unmöglich.
Es kann auch nicht unserem Verstande entsprechen.
Es kann nur der Liebe Gottes entsprungen sein
und ist ein Geschenk außerhalb unserer Reichweite, außerhalb der Geschichte.
Öffnen wir unsere Augen und unsere Herzen
und nehmen wir  das Geschenk an.
Es ist unsere einzige Chance, Weltfrieden zu machen
und allen Menschen ein Wohlgefallen zu bereiten.
Durch den Frieden höher als alle Vernunft der uns alle vereint und unsere Herzen und Sinne bewahrt in Christus Jesus unserm Herrn. Amen

 
 
  header                                 

Ev.-luth. Kirchengemeinde St. Severin • Pröstwai 20 • 25980 Keitum/Sylt • Telefon 04651-31713 • Fax 04651-35585

Spendenkonto 77 33 44 • Sylter Bank eG • BLZ: 217 918 05

Bitte geben Sie für Spendenquittungen Ihre vollständige Adresse an.