St. Severin Kirche zu Keitum
                                                                                                                                                                                                  
 

   
Predigt vom 04.07.2010 - 6. Sonntag nach Trinitatis

predigt_vom_04.07.2010.jpgPastorin Susanne Zingel
04.07.2010 - 6. Sonntag nach Trinitatis

Audiomitschnitt

(ca. 15 Min.)

Liebe Gemeinde,

erst kam das Viertelfinale und dann kam abends das Gewitter.

Ein großes Fest war vorbereitet worden. Mehr als vier Monate haben die Anwohner aus dem Kirchenweg sich immer wieder getroffen und alles vorbereitet. Soweit es ging, war alles vorbedacht: Sich mit den Ringreitern zu arrangieren, sich mit anreisenden Gästen zu verabreden, damit nichts schief geht. Das versucht ja jeder, der ein großes Fest organisiert.

 

 

 


Dann aber kommen Schwierigkeiten, mit denen keiner gerechnet hat. So ist das, wenn man nicht einfach in eingetretenen Pfaden, in erprobten Abläufen und Ritualen ein Fest feiert oder sein Leben lebt. So ist das, wenn das Kirchenschiff, die Gemeinde, wirklich ablegt und merkt, was es ist, nämlich ein Schiff auf hoher See.

Alles wurde gemeistert. Aller Wirbel, alle Wellen, alles Auf und  Ab hat sich gestern so gefügt, dass ich heute Morgen gar nicht weiß, wie viele sich bei dem Gewitterguss um 23.00 Uhr hier in der Kirche versammelt haben, um die „Kleine Nachtmusik“ zu hören. Überall haben sich Menschen gefunden. Bei Willi und Walter gab es frisch geräucherte Makrele im Schuppen. Ich weiß nicht, wie viele Ihr dazu geladen habt. Ich habe in Helgas Hütte einige gesehen, die da unter dem Dach Zuflucht gefunden hatten. Ganz viele standen bei Raimund und Manfred, bei Inge und Tanja im Garten, die hatten ein großes Überdach.

Es fanden sich an vielen Orten bis spät in die Nacht Menschen zusammen. Das ist ein Bild: Wir wohnen in einem Kapitänsdorf, sind eine Gemeinde, ein Schiff unterwegs. Dann entstand gestern noch ein schönes, ein anderes Bild. Auf einmal kommen alle an und viele Schiffe liegen im Hafen. Auf jedem Schiff ist jetzt Friede eingekehrt. Es wird Abend und die Menschen haben sich gefunden, sich gegenseitig eingeladen.

Ein großes, großes Fest. Nicht alles kann gelingen, nicht alles konnte gelingen, denn das ganze war ein Abenteuer. Und schon versammeln sich die Ersten, die eine Bilanz ziehen wollen. „Was ist gelungen? Was ist schief gegangen?“ Sie können sicher sein, darüber werden wir weiter nachdenken. Denn die Leute im Kirchenweg werden weiter darüber nachdenken, wie aus ihrem Miteinander fröhliche Feste entstehen. Aber heute ist dies nicht die Frage, heute zählt, wir sind ganz nah an dem was für eine Kirchengemeinde wichtig ist. Wir haben uns auf ein Abenteuer eingelassen. von dem wir am Anfang nicht wussten, wie es ausgeht.

Ein Abenteuer, das heißt: wir fahren los, wir brechen auf und wissen nicht, ob es gelingt und damit wird das ganze Unternehmen zu einer spannenden Geschichte.

Spannung liegt ja nur auf einer Geschichte, einem Theaterstück oder einem Film, wenn ich gespannt bin, weil ich nicht weiß, wie es ausgeht. Wenn wir alle wissen, wie das Ende ist, wer den Krimi von hinten liest, der bringt sich ja um das Beste.

Ich erinnere mich an meinen kleinen Sohn, als er fünf Jahre alt war. Er sagte ganz mitleidig zu mir: „Mama, es ist eigentlich schade, dass Du in der Kirche nicht mal was richtig Spannendes erzählen darfst, wie von den Power Rangers oder Spiderman. Du musst immer von Jesus und dem Frieden erzählen, oder?“

Wie gelingt es uns als Gemeinde und als Kirche zu vermitteln, dass wir die spannendsten Geschichten haben? Menschen, die durch den großen Schatz der Traditionen, die spannendsten Geschichten der Menschheit, auf die seit mehr als Jahrhunderten Menschen hören, sich haben leiten lassen, sich auf den Weg haben bringen lassen, um auch diese Kirche zu bauen. Menschen, die angefangen haben, sie zu behüten und ihr treu zu bleiben. Wir haben, die spannendsten Geschichten der Menschengeschichte weiter zu erzählen. Darum schlag einen großen Bogen – für uns hieße das, schlag einen großen Bogen hier von der Kirche bis hinunter zum alten Keitumer Hafenhaus und sieh zu, was da alles möglich ist. Feiere ein schönes Fest und von allem Anfang an ist ja schon alles gelungen, wie das Evangelium uns sagt. Ihr braucht nichts mehr schaffen. Es ist jetzt alles gut. Es ist alles gelungen, denn der Turm ist fertig.

Was war es für ein Abenteuer! Und wie hing es noch am Montag am seidenen Faden, ob der Turm wirklich enthüllt wird. Oder eine kleine Manschette oben an dem Fenster, die zwar bestellt und doch nicht angekommen war, vielleicht dazu geführt hätte, dass bis zum Fest der Turm doch weiter verhüllt bleibt.

Eine kleine Manschette! Wenn sie fehlt, dann kann es der Haken sein, an dem sich alles aufhängt. Am 3. Juli war der Turm wieder zu sehen, dazu schien die Sonne. Was wäre das Fest gewesen von Anfang an bei Sturm und Regen?

Es ist gelungen und wir haben unterwegs noch spannende Dinge entdeckt. Wer hätte das gedacht! Wer hätte gedacht, dass wir unterm Dach den ältesten Dachstuhl Norddeutschlands haben! Das haben nicht mal die Dendrologen, die es erforscht haben, vermutet. Sie fielen aus allen Wolken.

Wir können euch heute nicht alle mit hochnehmen auf das Dach. Unser Dachstuhl ist kein schönes Prachtstück, wie man es vielleicht aus dem Museum kennt. Auch nicht wenn die Denkmalpfleger sagen: „Ihr habt was besonderes da oben!“ Nein, es ist ein Kirchendachstuhl von 1216 und wer daraus etwas Besonderes macht, der braucht sich gar nicht an der Zahl festzuhalten. Diese (alte St. Severin-)Kirche sagt uns mit ihrer Geschichte heute:  Wenn du willst, dass dein Leben gelingt, wenn du willst, dass deine Gemeinde lebendig bleibt, wenn du willst, dass die Kirche ein Segen sei und weit über sich hinaus strahlt, dann geh nicht dahin, wo alles sicher und behütet ist, sondern bleibe da, wo du scheinbar gefährdet bist.

Kein Denkmalforscher hat geglaubt, dass hier an diesem Ort, wo Sturm, Regen, Eis, Schnee, die Naturgewalten und das Salz in der Luft dem Turm und der Kirche zusetzen, dass sich hier der älteste Dachstuhl hält.

Aber, wir haben es gehört vom Abraham, wenn du dich hinein begibst in Abenteuer, vor Gefährdung nicht zurückschreckst und das Leben wagst, gerade dann bist du behütet.

Du wirst nicht auf Händen getragen. Es ist nicht so, dass dir nichts passieren wird. Aber in allen Gefährdungen bist du getragen von dem Segen Gottes und was immer aus dir wird, du wirst ein Segen sein. So bleib nicht zurück und halte deine Lebenskraft nicht klein für dich allein, sondern setze sie ein und du wirst ein Segen sein.

Abraham geht los auf ein einziges Wort: „Mach dich auf und geh aus deines Vaters Haus!“ (1. Mose 12.1). Er verlässt seine Verwandten. Zu der damaligen Zeit für ihn ein Wagnis. Denn vergessen und verloren wird dein Name sein, du wirst keine Erben haben. Sie werden dich hier vergessen, dein Name Schall und Rauch. Deine Geschichte, dein Leben es wird irgendwo enden und niemand wird sich an dich erinnern. Und Gott spricht: „Nein, ich will dich segnen und du sollst ein Segen sein.“ Und nicht einfach nur ein „Ich will dich behüten“. Ich will meinen Engel mit dir schicken. Ich will dich leiten. Es soll ein Segen sein. Du wirst einen Namen haben, der wird einen Klang haben, dass die Menschen ihn erinnern über alle Zeiten hinweg.

Abraham, jedem Menschen auf fast der ganzen Welt vertraut. Du wirst sein ein gesegnetes Volk, denn ich werde dich segnen. Der harte Satz „Wer dich verflucht, den werde ich verfluchen!“ heißt auf dem Weg: Was soll es dich kümmern, wenn einer dir Böses will! Geh einfach weiter, ich werde mich darum kümmern. Sieh du zu, dass du im Licht und im Segen bleibst und weiter wirkst.

Der Fluch ist ja auch mit unserem Kirchturm verbunden. Ing und Dung, die Kirchenstifterinnen, haben über unseren Kirchturm gesagt: „Dieser Turm soll zusammenstürzen über der eitelsten Jungfrau und die Glocke soll herabfallen auf den hochmütigsten Jüngling!“

Dies wurde oft zitiert, als die Glocke rauf und runter gelassen wurde, als tragende Balken wieder eingefügt und schwerste Stahlträger nach unten abgesenkt wurden  - immer wieder wurde daran erinnert. Wir wissen, dass die Glocke schon einmal im Jahr 1738 – dazu noch in der Weihnachtsnacht - herabgefallen ist, dies ist eine Geschichte, die Gänsehaut macht. Die Geschichte macht dieses Unternehmen zu einem spannenden, zu einem wirklich spannenden Unternehmen, und das war es.

Es war ein Konzert im Juli, kurz zuvor wurde die Glocke abgesenkt, sie schwebte herunter in den Turmraum und – neben dem Konzert – war sie die Attraktion des ganzen Abends.

Niemand ist bei diesem großen Unternehmen zu Schaden gekommen. Jörg Reimann hat dies schon in der Begrüßung gesagt. Kein Mensch ist verletzt worden und trotzdem feiern wir dieses Fest nicht mit allen verbunden.

Wir aus der Gemeinde wissen um Christian Duwe, unseren Kirchenvorsteher, der mit so viel Kraft und Elan unser Projekt nach vorn gebracht hat. Ihm lagen das große Turmplakat und dieses Fest am Herzen. Am Tag bevor er tödlich verunglückte, brachte er in das Pastorat ein Blatt Papier mit dem Titel „Was nehme ich mir für das nächste Jahr vor“. Darin: „Dass dieses Turmfest gelingt und dass wir ein großes Fest feiern.“ Das hatte er sich zum Ziel gesetzt.

Das ist die eigentliche Herausforderung: Niemand von uns hat sein Leben in der Hand. Was wir miteinander befördern, was gelingt und vor welchen Schwierigkeiten wir stehen: Es kann niemand sagen, was noch kommt. Die Schiffe liegen nicht im Hafen, damit sie da im Frieden liegen bleiben, sondern bereit für die nächste Fahrt und das nächste Abenteuer.

Niemand von uns hat sein Leben in der Hand, das macht das Abenteuer Leben eigentlich spannend.

Wenn wir hören und lesen von so vielen Jugendlichen, deren Kräfte entgleiten und in Sinnlosigkeit destruktiv und in Gewalt abgleiten, ja woher kommt denn das? Weil sie einfach nicht mehr den Zugang finden zu dem Eigentlichen, dem Spannenden und anfangen, es zu suchen und spielen mit Leben und Tod. Es ist an uns als Gemeinde, diese existentielle Wahrheit auf vielerlei Weise wieder und wieder zu entdecken. Dazu gibt es Möglichkeiten ohne Ende.

Nur eine Erinnerung: Während der Turmsanierung, am Buß- und Bettag, zog ein Sturm herauf - und gerade an dem Tag war das Dach abgedeckt! An dem Tag war schon das Konzert ausverkauft. Wir erwarten die Gäste und wissen nicht, wie sollen wir es schaffen... Dann ist man wirklich von Herzen dankbar, wenn um halb fünf der Sturm einschläft, sich nichts mehr regt und wir alle Flatterbänder und Absperrgitter wieder wegnehmen können und wir sagen können. „Herzlich willkommen, Ihr könnt alle eintreten! Hier seid Ihr sicher und geborgen.“

Unsere Kirche steht einfach da. Sie kann überhaupt nichts tun, dass sich einer um sie kümmert. Das ist das andere Geheimnis: 
Ihr werdet schöpfen aus der Fülle Gottes. Aber bedenke, du schaffst es nicht allein. Sieh dir diese Kirche an, wie sie einfach da steht und wartet, dass andere kommen und für sie sorgen. So ist es übertragen auch für jeden von uns. So gibt es ein Ineinander von dem, was wir tun können. Uns gegenseitig bereichern. Uns gegenseitig beschenken und inspirieren. Uns gegenseitig helfen in die Spannung des Lebens hinein. Um immer wieder inne zu halten und zu spüren, alles ist da, alles ist gut.

Denn der Friede Gottes, höher als alle Vernunft, er behütet und bewahrt unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn.

Amen.

 

 

 
 
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