St. Severin Kirche zu Keitum
                                                                                                                                                                                                  
 

   
Predigt vom 06.12.2009

advent.jpgPastorin Susanne Zingel
Sonntag, den 06.12.2009 (2. Advent)
Lukas 21,25-28

Audiomitschnitt

(ca. 16 Min.)

 
Das Kommen des Menschensohns

Und es werden Zeichen geschehen an Sonne und Mond und Sternen, und auf Erden wird den Völkern bange sein, und sie werden verzagen vor dem Brausen und Wogen des Meeres,  und die Menschen werden vergehen vor Furcht und in Erwartung der Dinge, die kommen sollen über die ganze Erde; denn die Kräfte der Himmel werden ins Wanken kommen. Und alsdann  werden sie sehen den Menschensohn kommen in einer Wolke mit großer Kraft und Herrlichkeit.  Wenn aber dieses anfängt zu geschehen, dann seht auf und erhebt eure Häupter,  weil sich eure Erlösung naht.

 

Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da war, der da ist und der da kommt.  Amen

Liebe Gemeinde,
in der letzten Woche haben wir einen Brief auf Samoa bekommen. Manche von uns erinnern  sich, und waren selbst dabei als wir hier  am Erntedankfest für die Opfer des Tsunamis gesammelt haben.  In unserer Gemeinde leben Unga und Aniva und Serafina. Ihr Vater und Großvater ist auf Samoa Pastor in einer evangelischen Gemeinde, Pastor Nafoi. Wir haben Gelder gesammelt  und Pastor Nafoi schreibt, wie es genutzt wird für den Wiederaufbau von Schulen, Krankenhäuser und Wohnhäuser. Er schreibt auf englisch:  ‚Your loving hands touched our hearts.‘ Eure liebenden Hände haben unser Herz gerührt.  ‚Your loving hearts as shown in Your donation for us is unforgettable‘. Eure liebenden Herzen, die ihr uns gezeigt habt, die machen all eure Gaben für uns unvergesslich. Wir glauben, dass Gott Euch ein Vielfaches zurückgeben wird, von dem, was  Ihr gegeben habt. Möge Gott Euch segnen. 
Morgen beginnt in Kopenhagen die Weltklimakonferenz.  Zwei Wochen lang werden die Politiker der Welt verhandeln. Sie werden beraten, was zu tun, vor allem, was zu lassen ist, um unserer Welt, der die Luft ausgeht, zu helfen.  Wo die ewigen Eise schmelzen, wo Flüsse und Meere über die Ufer treten, und die Inseln  der Südsee, die ersten sein werden, die es zu spüren bekommen, dass es nicht nur Worte sind, sondern wirkliche Wirklichkeit, die uns und all unsere Nachkommen in ihrer Existenz prägen wird. 
Es ist vergeblich, sagen viele, es lässt sich nicht mehr aufhalten, so viele Menschen können sich nicht ändern, und umkehren. ‚Heute haben wir noch nicht die technischen Möglichkeiten, aber ihr könnt sicher sein,‘ beruhigen sie, ‚es wird irgendwann Lösungen geben. Außerdem ist das der Lauf der Welt. Jede Generation steht vor neuen Herausforderungen und muss sie tragen.‘  
Wir taufen heute Johann  und wir nehmen ihn auf in eine Gemeinschaft, die solches Denken und Reden nicht einfach hinnimmt, die nicht bereit ist, sich so einzulassen auf eine Abwärtsbewegung. Wir taufen Johann hinein in eine Gemeinschaft, die es aushält, auch wenn wir denn nicht gleich wissen, was denn zu tun ist. Wir wissen hier etwas über das Wasser des Lebens, damit sind wir getauft. Wir wissen, dass jede Handvoll Wasser, jeder Tautropfen Teil ist von einem wunderbaren Schöpfungswunder, das unsere Erde zu einem blauen Planeten macht. Wir wissen, es geht auf jeden Fall nicht um mehr und größer und weiter, sondern wir wissen, es geht um weniger. Es geht darum zu lassen, auch loszulassen, Raum zu lassen und zu sehen, was wir wirklich brauchen. Wir wissen, wir können nicht die Welt verbessern und wir halten sie nicht in unserer Hand, aber wir können unsere Hände falten und beten und der Kraft des Gebetes folgen, die einen stärkt die Spannung auszuhalten, was wir sonst nur zerreden würden, ohne dass sich etwas ändert. Das Gebet ist die Kraft, dass bei uns etwas wirklich ankommt und unsere Seele, unser Herz erreicht und unser Leben verändert.
„Seht auf und erhebt Eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht.“  Das haben wir im Evangelium gehört. Auch dass die Kräfte des Himmels wanken und das Meer braust und die Menschen sich fürchten.  Aber genauso wahr ist damals wie heute: „Schaut  auf und seht über euch selbst hinaus. Seht, dass ihr auf Samoa Schwestern und Brüder, Väter und Mütter im Glauben habt, die euch segnen, denen ihr etwas geben könnt und die euch etwas lehren.“ 
Johann wird hinein getauft in eine große Gemeinschaft von Schwestern und Brüdern. Und er wird am Nikolaustag getauft. Das werdet ihr erinnern und dann erzählt ihm von Nikolaus. Der war  ein Kämpfer wundersam verbündet mit der Natur und ihren Gewalten. Es wird erzählt, es geriet ein Schiff in Not vor dem Hafen von Smyrna. Da kam Nikolaus über das Wasser und brachte mit sicherer Hand  das Schiff in den Hafen. Nikolaus kommt und bringt sicher nach Hause. Er kennt die Gewalt des Meeres und die Angst der Menschen. Nikolaus das heißt übersetzt, einer  der das Volk überwindet. Da könnte man sich einen Mächtigen vorstellen, der das Volk unterdrückt. Es kann aber auch heißen, dass einer mitten aus dem Volk hervortritt. Einer, der heraustritt aus der Masse, einer der die Angst überwindet,  die Resignation, wir können nichts tun, die Versuchung, nur auf sich selbst zu sehen nicht auch die anderen. Einer, der aufsteht und dagegen ankämpft  mit Glauben, mit den rechten Worten, vor allem aber mit Mut gegen  die  Rücksichtslosigkeit, die Ignoranz und die Gewalt, die sich damit schleichend verbindet.  Nikolaus brachte verfeindete Menschen dazu,  sich anzuschauen, ‚Seht auf und erhebt Eure Häupter‘und sie schlossen Frieden. Nikolaus ist kein naiver, spielzeugverteilender Heiliger, sondern er ist ein Retter in der Not. Für ihn verbinden sich das göttliche Kind und das Kreuz dieser Welt so, dass es die Welt verändert.  Bedingungslos hat er immer eingestanden für die Kleinen und die Kinder, dabei hatte er selbst keine Kinder. Er kam aus reichem, vermögendem Haus, bei seinem Onkel ist er aufgewachsen. Als seine Eltern früh verstarben, verschenkte er alles, was sie ihm vererbten. Nikolaus verbindet ganz erstaunlich Verwandtschaft und Gotteskindschaft.
Wir hätten niemals am Erntedanktag eine so große Kollekte gesammelt, wenn Unga nicht auf samoanisch für uns gesungen hätte. Wir hätten niemals so eine große Kollekte gesammelt, wenn Aniva und Serafina nicht von ihrem Großvater erzählt hätten. Und indem sie es taten, erlebten wir miteinander so etwas wie einen Quantensprung, dass es auf uns alle überging und über uns die Ahnung und der Horizont aufging, wir sind in Gott alle miteinander verwandt, Schwestern und Brüder und füreinander da. So rettete Nikolaus Kinder in Not, kaufte sie aus Sklaverei zurück. Ein Vater verkaufte seine drei Töchter als Prostituierte. Ihnen legte er goldene Äpfel auf das Fensterbrett. Die Geschichte ist sehr bekannt und so kamen alle drei Frauen wieder frei. Nicht so bekannt ist, dass der Vater selbst in dunkler Nacht dem Schatten folgt und den Nikolaus sucht. Und als er ihn findet mit seinem schlechten Gewissen, da macht  Nikolas dem Vater keine Vorwürfe, er gibt ihm den gleichen goldenen Apfel, segnet ihn und erlöst ihn durch seine Zuwendung.
Nikolaus rettet Kinder immer wieder. Für ihn gibt es kein Diktat des Geldes. Er fürchtet keine Gewalttäter. Piraten vor Smyrna wollen auch Kinder in die Sklaverei führen. Da zögert er keinen Augenblick, läuft in seine Kirche, holt den ganzen Kirchenschatz und  wiegt  jedes Kind in Gold auf. Stellen wir uns das heute einmal vor, die Kirche trennt sich von all ihren Schätzen und wiegt jedes Kind mit Gold auf. Und wenn wir hören, wie heute in Kopenhagen gerechnet wird, ist das eine mögliche Vorstellung. Es sagt etwas über uns, dass wir von diesen Nikolausgeschichten so wenig wissen. Den Stiefel kennen wir, das Glöckchen auch.  Aber der Rest ist wie vergessen,. Es mag etwas damit zu tun haben, dass Martin Luther den Nikolaus nicht mochte und ab 1535 begann, ihm das Christkindlein entgegenzusetzen. Er war damit auch erfolgreich, aber lassen wir ihn einfach einmal, den Martin Luther,  denn der Nikolaus ist wirklich ein Träger wunderbarer Geschichten, die das Herz berühren und uns über uns hinausführen. Wenn wir denn noch mehr hören, dass Nikolaus den Eingang zum Himmelreich im Gebet fand. Er betete so innig, so ganz und gar, dass er jedes Unrecht physisch spürte. „Eure liebende Hand hat unser Herz berührt.“ Es ist möglich, dass das Glück und der Schmerz eines anderen Menschen uns so berühren, physisch berühren, dass wir gar nicht anders können, als füreinander einzustehen und uns zu helfen,  so wie es in einer Familie selbstverständlich ist. Nikolaus spürte Unrecht so körperlich, dass er nicht schlafen konnte, wenn er wusste, im Gefängnis sind Menschen unschuldig zum Tode verurteilt. Im Gebet und in Träumen entfaltete er so eine Kraft, dass er den Verurteilten erschien und sie tröstete. Den Richtern aber erzählte er in ihren Träumen die wahre Geschichte und die Verurteilten wurden begnadigt. Der Anfang ist, dass wir uns öffnen, dass wir berührt werden und dass wir dem Heiligen Geist in Herz und Seele Raum geben. Das ist der Anfang, das ist Advent, auf dass das Kindlein in uns geboren werde und nicht nur Gedanke und Idee bleibe und Moral ist viel zu wenig, um die Welt zu verändern, sondern es braucht Herzensgüte und Barmherzigkeit. Da verbindet ihr euch mit den Kräften des Himmels. Das hat Jesus erzählt: „Seht auf und erhebt Eure Häupter, die Kraft des Himmels, die Erde die euch trägt, das Meer, in seiner ganzen Gewalt, es kommt aus einer gütigen segnenden Hand. Wir stehen in Gottes Hand und so bewahre uns der Friede Gottes, der höher ist  als alle Vernunft, er helfe unserer Schwachheit auf und bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus unserm Herrn.  Amen

 
 
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