St. Severin Kirche zu Keitum
                                                                                                                                                                                                  
 

   
Predigt vom 12.04.2009

kreuzschnitt.jpgPastorin Susanne Zingel
Ostersonntag, 12. April 2009 
Joseph von Arimathäa und das leere Grab

Audiomittschnitt

(ca. 18 Min.)







Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da war, der da ist und der da kommt. Amen

Liebe Gemeinde,
der Frühling macht es in diesem Jahr besonders schön, das Osterfest. Die Sonne scheint, alle Blumen blühen, die Vögel singen und nicht nur die Kinder sind froh und vergnügt, dass es hinaus geht und der Osterspaziergang könnte gar nicht schöner sein. Keiner kann sich davor verschließen, die Seele wird weit und alle strahlen glücklicher. 

Der Frühling macht es leicht, Ostern zu feiern.  Und gleichzeitig macht es der Frühling auch schwer.  Denn wenn wir  mit diesem Fest nicht mehr feiern als ein Wiedererwachen der Natur, dann haben wir ganz viel, um uns zu freuen, aber haben doch zu wenig, um wirklich zu sagen: „Der Herr ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden.“
Dass ein Toter aufersteht,  dass aus einer Katastrophe noch Hoffnung erwachsen kann, das ist noch mehr als die Wahrheit, dass auf jeden Winter ein Frühling folgt. Es ist auch viel mehr als die Zusage, dass auf den Regen auch wieder Sonnenschein folgt.

 

































Solche Sätze klingen gerade für Menschen, die ein Unglück getroffen hat, brutal: Wir hier haben es von ferne in der Presse gelesen, wie so etwas klingt. Unglaublich und zynisch, wenn Sllvio Berlusconi die Menschen in  L' Aquila besucht,  durch die zerstörte Stadt geht und mitten in den Trümmern den Menschen sagt, „Das Leben geht weiter. Freut Euch dass ihr noch da seid,  betrachtet es als Campingwochenende und fahrt ans Meer, geht spazieren. Ich bezahle alles.“ Das hat er gesagt, zugegeben vor dem Karfreitag und der großen Trauerfeier. Solche Sätze tun einfach nur weh. Dass das Leben weitergeht ist ja gerade schrecklich. Dass auch in so einer Katastrophe die Erde nicht still. Alles dreht sich weiter. Doch in L'Aquila macht niemand einfach weiter wie zuvor. Die Menschen treten heraus aus den Trümmern und sind mit mehr die gleichen. Sie helfen sich gegenseitig und sind sich näher, als sie es sich hätten je vorstellen können. Sie treten heraus aus eingestürzten Häusern, aber eingestürzt ist auch alles „Für sich Sein“ sind, aller Egoismus. Sie treten heraus und begegnen sich als eine Gemeinschaft, die sich nötig braucht. Die miteinander weint und betet, und hofft und glaubt und sich gegenseitig hilft.

Für uns Protestanten mag es seltsam scheinen und ist doch zu verstehen. Am Karfreitag war es in L'Aquila gerade ein Toter, der den Menschen neuen Mut gegeben hat. In den Trümmern der größten Kirche von L'Aquila wurde unter Trümmern der gläserne Sarg von dem Papst Coelestin des V. unversehrt geborgen. Der Engelspapst, wie ihn die Menschen nennen. Wie der Sarg von Schneewittchen wurde er herausgetragen aus einer Kirche in Trümmern und er ist nicht zerbrochen.  Man muss nicht katholisch sein, um zu verstehen, dass das die Menschen tröstet. Wo so viel zerbricht, tragen sie heraus, was ihnen heilig ist und es ist nicht zerbrochen. Es ist wie ein Himmelszeichen, die Engel sind noch mit uns  und Gott hält zu uns.  Furchtbar wäre es , wenn alles einfach weiter ginge.  Das oberflächliche Leben, das vorher so einfach schien,mit seinen Streitigkeiten, Betrügereien, der üblichen Bestechung auf dem Bau, die dazu geführt haben, dass öffentliche Gebäude wie das Krankenhaus als erstes einstürzten. Nein, das Leben soll nicht einfach weiter gehen. Es soll neu werden.

Im Evangelium gibt es eine Gestalt, die ist dabei ein guter Begleiter. Es ist Joseph von Arimathäa. Joseph von Arimathäa, das ist der, der zu Pilatus ging und darum bat,  Jesus begraben zu  dürfen.  der über seinem eigenen Grab in ein neues Leben hineinkommt. Er war schon ein Anhänger von Jesus gewesen, als er noch lebte, aber er hatte sich nicht getraut, dazu öffentlich zu stehen. Er war ein Mitglied im Hohen Rat, der Jesus zum Tode verurteilt hatte. Er hatte gesagt, „Nein,nicht“, aber er hatte sich nicht getraut, es laut genug zu sagen. Reich war er auch. Er hatte ein Mausoleum, ein großes Felsengrab. Als Jesus lebte, hatte er mit seiner Meinung hinter dem Berg gehalten.  Aber nun war Jesus tot und nach der Kreuzigung wurde Joseph von Arimathäa mutiger als alle anderen Jünger. Er war der einzige, der zu Pilatus geht und ihn bittet: „Gib mir Jesus, den Leichnam, ich möchte ihn  bestatten.“ Er zögerte keinen Augenblick und legte ihn in sein eigenes, für ihn selbst bestimmtes Felsengrab.

Christus liegt in dem Grab, das du selbst für dich bestimmt hast. Christi Auferstehung findet dort statt, wo einer noch mitten im Leben dem Tod einen Schrein gebaut hat. Wo einer sich mit dem Tod arrangiert hatte, dort legt Christus sich nieder. Josef kommt zu seinem eigenen Grab und findet es am Ostermorgen leer. Nun könnte man sagen:'Nun hat er sein Grab wieder', aber - Josef braucht es nicht mehr. Dieses Grab kann er genauso verlassen, wie Jesus es verlassen hat. Es ist überflüssig für ihn. Denn Josef  erwacht in ein neues Leben.

In der Legenda aurea wird weiter erzählt, wo die Bibel aufhört:  Als  die Gegner Jesu hörten, dass Josef es gewagt hatte, Jesus  in sein  Grab zu legen, da kamen sie und sperrten ihn in eine Kammer und versiegelten sie und drohten Joseph an, 'Wenn der Sabbat und das Fest vorbei ist, werden wir auch dich töten.'  da saß Joseph gefangen in diesem Raum. Und Christus auferstanden hatte nichts anderes zu tun, als genau dorthin zu gehen. Er hob das versiegelte Haus an den vier Enden hoch und führte Joseph hinaus. Er trocknete seine Tränen, küsste ihn und ließ ihn die Auferstehung spüren. So ein zärtliches und doch kraftvolles Bild.  Christus kommt und hebt das Haus hoch, in dem einer in Ängsten eingeschlossen ist.

Das Grab und das versiegelte Haus wird zu einem symbolischen Bild des inneren Menschen. 'Dieses Josephs-Arimathäa-Grab ist der Ort, wo alles beerdigt und begraben wird, obwohl wir noch leben,  was wir uns nicht trauen zu sein. Jesus verschwieg seine Wahrheit. Erst als Jesus tot war, machte er den Mund auf. Er dachte von sich, 'ich blicke dem Tod gelassen ins Auge, denn seht, ich habe schon mein eigenes Grab anfertigen lassen.' Aber warum hatte er dann Angst gehabt, in der wirklichen Stunde der Wahrheit aufzustehen und für Jesus zu sprechen. Nun steht er bei dem Auferstanden und spürt alle Lügen und Halbheiten seines Lebens. Es erwacht in ihm, dass wenn er einmal sterben soll, dann will er die Wahrheit gesagt haben zur rechten Zeit. Dann will er nicht nur einmal mutig gewesen sein, sondern jeden Tag aufs Neue. Und wenn es eine Ewigkeit gibt, dann möchte er leben, so als würde sie heute beginnen.

Das Grab ist leer, Josef braucht es nicht mehr. Es wird nicht mehr lange dauern und es werden Touristenströme kommen. Sie werden das Grab besuchen, aber dort werden sie nur auf den Tod schauen, denn Jesus ist dort nicht zu finden und Joseph von Arimathäa auch nicht. Joseph von Arimathäa ist nämlich „dann mal weg.“  Die Legende erzählt, dass er eine Wanderprediger wurde. Er zog herum und predigte. Er belehrte niemanden. Er  teilte anderen mit, was ihn berührt hatte. Er führte sie heraus aus verschlossenen Ängsten.

Käme er heute zu uns, wir bräuchten nicht lange zu überlegen, was er uns zu predigen hätte, einer Gesellschaft, die sich mit dem Tod arrangiert und ihn gleichzeitig verdrängt.
Wir  brauchen nur zu schauen auf die Berge von Schrott und Schulden, die eine Abwrackprämie hervorbringt. Schulden die unsere Kinder bezahlen werden. Dabei werden alle Milliarden dieser Welt nicht reichen, dass Menschen glücklich und zufrieden sind, solange die Angst geschürt wird, man könnte etwas verpassen, und der andere hätte vielleicht mehr als man selbst. 

Was würde Joseph von Arimathäa sagen, würde er einen Blick auf das Osterfernsehprogramm werfen. „Stirb langsam“, dauert anderthalb Stunden. „24 Stunden Angst“ verspricht schon mehr Horror. Und eine „Gnadenlose Flucht“ wird natürlich irgendwie auch zur Rettung führen. Für sanftere Gemüter empfiehlt sich „Mord im Pfarrhaus“. Millionen sehen zu, als wären sie in den Tod verliebt. Sicher ist nur, sie haben  lange  nicht an einem Grab gestanden und vielleicht noch nie an einem Totenbett. Und sie  werden es auch vermeiden, denn es kann einen verwandeln so  wie Joseph von Arimathäa. Er wurde zum Pilger und kam weit. Er kam bis nach Britannien, wird erzählt. Es kümmert ihn nicht, wo er sterben wird, denn er ist zum Leben erwacht. In Glastonbury steckte er seinen Pilgerstab in die Erde und daraus erblühte ein Weißdornbusch. Aus Weißdorn wurde die Dornenkrone gewunden.

Und da wird es wieder spannend, denn er soll den Gral nach England gebracht haben. Den heiligen Gral, den sie alle suchen, Arthus und die Ritterrunde. Es soll der Kelch vom Abendmahl sein, der ewiges Glück und Leben verspricht. Und alle suchen ihn bis heute.  Es werden mehr Geschichten vom heiligen Gral erzählt, als von der fröhlichen Auferstehung. Vom Sakrileg bis Indiana Jones bewegt es die Masse. Die Gebildeten hören sich wieder einmal Wagner an und die Mystiker treiben großen Aufwand und machen ein Geheimnis aus dem Gral.
Dabei ist es ganz einfach. Der Gral, der Ort, wo das Leben zu finden ist, das ist ein Herz, das lebendig wird, ein Herz, das glaubt und hofft und liebt.
Der heilige Gral, das  sind wir selbst, wo einer kommt und uns ins Freie führt. Wir sind das Geschöpf Gottes, ein Gefäß für den heiligen Geist. Ein Mensch,  der das Leben wählt und nicht den Tod, der entfaltet eine unglaubliche Wirkung. Es ist nicht der  ewige Kreislauf der Natur. Es ist noch viel mehr. So ein Mensch lässt andere aufblühen. Das ist ein Wunder und kommt auf Gott durch Auferstehungskraft und durch den Frieden Gottes, der uns mitnimmt dorthin, wo das wahre Leben beginnt. Amen

 

 

 

 
 
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