St. Severin Kirche zu Keitum
                                                                                                                                                                                                  
 

   
Predigt vom 13.04.2008 ( Apostelgeschichte 17, 22-34 ) PDF Drucken

Liebe Gemeinde,
 
„Sylt ist ein Plural. Ein jeder kann hier suchen, was er mag. Er wird es finden.“
Ein buntes Volk ist unterwegs auf dieser Insel. Alle finden, was sie suchen, so fasst  es Fritz Raddatz in seinem aktuellen SyltArtikel zusammen. Mit seiner eigenen Überzeugung, was es hier zu suchen gibt, hält er auch nicht hinter dem Berg oder besser hinter der Düne: Cabrio hin, Cabrio her, allein das Meer und die Natur mit all ihrer Gewalt und Zartheit ist das eigentliche Wunder dieser Insel.
„Ein jeder kann hier suchen, was er mag. Er wird es finden.“
Ist das nun Vielfalt oder Beliebigkeit. Ist es gleichgültig, wonach wir suchen? Erträgt die Insel alles nebeneinander?

„Ein jeder kann hier suchen, was er mag. Er wird es finden.“ Das erinnert an das bunte Treiben in Athen, auch nicht weit vom Meer, überquellend, reich und  schön, veredelt durch die Weisheit der Philosophen und die fromme Ergriffenheit  unzähliger Priesterinnen und Priester. Da konnte ein jeder suchen und finden, was er wollte. Auch Paulus: Zwischen allen Tempeln und Altären für Athene, Zeus, Poseidon und all die anderen Göttinnen und Helden findet er den Altar für den unbekannten Gott. Jedes Kind kannte die Geschichte: als Athen von einer furchtbaren Pest heimgesucht wurde, opferten die Bürger allen Göttern, jedoch erfolglos. Daraufhin empfahl das Orakel von Delphi, aus Kreta  den Dichter und Propheten Epimenides holen zu lassen. Der kam und trieb eine Herde weißer und schwarzer Schafe auf den Areopag, ließ sie grasen, wo sie wollten und wartete darauf, dass sie sich irgendwo niederlassen würden. An der Stelle, wo sie sich schließlich zur Ruhe legten, errichtete er einen Altar und ließ die Athener dort "dem unbekannten Gott" opfern. Und alle Not war geheilt. Beliebig ist es mit den heiligen Plätzen nicht. Es sieht aus, als wäre dieser Altar für Paulus und seine Predigt von Christus, dem guten Hirten errichtet, der weiße und schwarze Schafe gleichermaßen liebt. Aber alles ist mehrdeutig: Auch Orpheus ist ein Hirte. Auch er geht den Weg durch die Unterwelt aus lauter Liebe. Und Hirten gibt es noch mehr. Paulus hat es nicht leicht, aber vielleicht hätte er eine kleine Ecke für den Christengott in Athen gefunden. Doch Paulus will keine kleine Ecke, ihm geht es um das Ganze. Er predigt auf dem Areopag und wagt viel. An gleicher Stelle wurde Sokrates zum Tode verurteilt, weil man ihn für schuldig befand, die alten Götter infrage zu stellen und neue Götter einführen zu wollen. Paulus wagt sein Leben und gewinnt: Die Leute hören ihm zu: „Ihr Athener schon längst verehrt ihr den wahren Gott. Ich komme nur, euch zu verkünden, was ihr unbestimmt erwartet, unbewußt fühlt, untergründig hofft. Der Gott der Himmel und Erde geschaffen hat, der allem Leben seinen Odem einhaucht, der hat sich in Christus offenbart, hat den Tod überwunden und den Weg zum Leben aufgetan.“

Die Leute von Athen lassen ihn reden. Ganz ernst nehmen sie ihn nicht. Einige spotteten, andere sagten, wir denken drüber nach. Aber wer weiß schon, was absolut wahr ist. Verdächtig ist, wer so absolut daherkommt? Das ist leicht ein Fanatiker.  Das  Leben ist so widersprüchlich, so reich, so schrecklich und so wunderbar, wie soll eine  Gottheit da fürs ganze stehen? Wie soll ein Gott die Antwort auf alle Fragen geben? Ein Heiland, ein Erlöser für die ganze Welt?
Es lässt sich behaupten, aber wie soll das einer glauben?  Es gibt so viele Geschichten, und alle sind doch irgendwie auf der Suche und irgendwie sind wir alle in Gott.
Dazu ein andere Geschichte auch vom Meer: 
„Ein alter Mann. Er geht durch die Hauptstraße eines Dorfes. Hinter ihm Hunderte und Aberhunderte Menschen, alle Leute aus der Gegend. Sie ziehen vorbei und singen. Sie tragen ihre Sonntagskleider. Und niemand fehlt. Der Alte geht immer weiter. Und er sieht so aus, als sei er allein, vollkommen allein. Er erreicht die letzten Häuser des Dorfes, doch er bleibt nicht stehen. Er ist so alt, dass sein Hände zittern und auch sein Kopf ein wenig. Trotzdem schaut er ruhig geradeaus und hält auch nicht inne, als der Strand beginnt. Mit seinem wackeligen Gang bahnt er sich zwischen den Booten, die auf dem Trockenen liegen, seinen Weg, so dass man meinen könnte, er werde jeden Augenblick fallen, aber er fällt nicht. Hinter ihm all die anderen, einige Meter hinter ihm, aber immer noch da. Hunderte und Aberhunderte Menschen. Der Alte geht  durch den Sand, und das ist noch schwerer, aber es spielt keine Rolle, er will nicht anhalten, und weil er nicht anhält, steht er schließlich vor dem Meer. Dem Meer. Die Leute hören auf zu singen und bleiben einige Schritte vor dem Wasser stehen. Jetzt scheint er noch einsamer zu sein, der alte Mann, während er einen Fuß vor den andren setzt, ganz langsam und ins Meer hineingeht, er allein, ins Meer hinein. Ein paar Schritte, bis ihm das Wasser bis zu den Knien reicht. Sein nasses Gewand klebt ihm an den spindeldürren Beinen. Haut und Knochen. Die Welle gleitet vor und zurück, und er ist so dünn, dass man denke könnte, sie reißt ihn mit sich fort. Aber nein, er bleibt da, wie ins Wasser gepflanzt, den Blick starr geradeaus gerichtet. Auge in Auge mit dem Meer Schweigen, nichts ringsumher bewegt sich mehr. Die Leute halten den Atem an. Ein Zauber.  Da senkt der Alte den Blick, taucht eine Hand ins Wasser und macht langsam das Zeichen des Kreuzes. Langsam. Er segnet das Meer. Und das ist etwas Großartiges. Ein schwacher alter Mann, eine winzige Geste und plötzlich geht eine Erschütterung durch das weite Meer, durch das ganze Meer, bis hin zum Horizont, es erbebt, erzittert, löst sich, in seinen Adern rinnt der Honig eines Segens, der jede Welle verzaubert, und auch sämtliche Schiffe der Welt, die Stürme, die tiefsten Abgründe, die schwärzesten Wasser, die Menschen und die Tiere, diejenigen, die gerade darin sterben, diejenigen, die Angst haben, diejenigen, die es anschauen, verhext, entsetzt, gerührt, glücklich, gezeichnet als es für einen Augenblick unvermittelt den Kopf senkt das weite Meer und nicht mehr Rätsel ist, nicht mehr Feind ist, nicht mehr Schweigen ist, sondern Bruder und sanfter Schoß und Schauspiel für gerettete Menschen. Die Hand eines alten Mannes, ein Zeichen im Wasser, man schaut auf das Meer und es macht nicht mehr angst. Ende – Schweigen -  was für eine Geschichte:“
Das letzte Kapitel in dem unglaublichen Buch Oceano Mare. In dem Alessandro Baricco so viele Geschichten von Liebe und Schmerz, Schiffbruch, Glück, Verrat veknüpft, dass einem schwindelig wird. Immer geht es ums Ganze und alle Geschichten spielen am Meer, wo alle Flüsse münden, alles zusammenkommt, alle Schrecken und alle  Wunder und alle Menschen gehen mit. Sie wollen dabei sein, wenn in einer einzigen Geste  alles umfangen wird. Der alte Mann segnet das Meer mit dem Kreuz. Er predigt nicht, seine Geste  erklärt nichts. Sie ist so schlicht wie das gebrochene Brot, der Segen über dem Kelch. Sie ist so schlicht und so schwer, denn sie segnet und umfängt alles, was Menschen erlitten, gewagt, geliebt, verloren und verbrochen haben.
Und alle die dabei sind sagen ja, und sind da, als das, was sie sind und nicht, das was sie gerne wären. Und sie sagen ja, ja wie jubilate und Friede höher als alle Vernunft breitet sich aus, denn es ist wahr, Gottes Liebe ist tiefer als das Meer, und durch das Kreuz siehst du das Leben und nichts ist beliebig, aber alles ist möglich denn dein Herz und deine Sinne sind bewahrt in Christus Jesus unserm Herrn Amen


 

 
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