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Volkstrauertag 2008 Tinnum 1. Johannes 4,9
Liebe Gemeinde!
Viele Menschen sagen, es muss doch endlich mal genug sein mit dem was damals geschehen ist. Lass die Toten ruhen.
Aber auch nach so vielen Jahren, gibt es immer wieder noch Schicksale, die bisher unbekannt waren, weil sich die Menschen nicht getraut haben zu erzählen. Weil keiner hören wollte, wie viele Menschen bei Flucht und Vertreibung umgekommen sind. Weil es nur zu politischen Schwierigkeiten führt, wenn man die Bombardierung deutscher Städte mit 100.000 zivilen Opfern als Unrecht anklagt.
Weil Frauen es tief in sich verborgen hatten, die furchtbaren Vergewaltigungen in den Kriegszeiten und die lebensverändernden Ängste davor und danach. Und das immer noch, nach mehr als 60 Jahren nach Ende des 2. Weltkrieges.
Die Vergangenheit ist nicht tot und begraben, in Wahrheit ist sie nicht einmal vergangen.
Eine Zeit lang, so bis vor 15 Jahren, dachte ich es auch so, dass sich dieses Heldengedenken am Volkstrauertag, „Gefallen für Volk und Vaterland“ nach vielen Jahren Frieden irgendwann überholen würde, wenn die letzten Beteiligten nicht mehr am Leben sind. Dann aber begann der Krieg in Jugoslawien. Wieder Krieg, weil die Stärkeren meinten, die andersartigen Schwächeren ausrotten zu dürfen. Ganz nah in Europa, und wie soll man da zusehen? Bei solchem Unrecht muss die Polizei eingreifen. Und alle Hoffnung, dass sich nach soviel Kriegserlebnissen Frieden immer weiter von Europa aus ausbreiten könnte, war dahin. Die Bundeswehr dabei im Einsatz mit UN-Mandat. Ein zweiter, nicht durch die UN abgesichert und damit im Grunde völkerrechtswidrig, um Schlimmeres zu verhindern, einem grausamen Völkermord Einhalt zu gebieten. Deutschland wollte wegen eines russischen Vetos nicht tatenlos zusehen, wie zur Nazi-Zeit die Nachbarländer tatenlos zusahen, obwohl die Regierungen alle wussten, dass Juden im großen Stil umgebracht wurden und Krieg gegen Polen vorbereitet wurde.
Damit brach für mich auch für den Volkstrauertag ein neues Zeitalter an: An den Krieg zu erinnern und um Frieden zu beten. Um die Kraft für Vergebung und Aussöhnung und Neuanfang. Diesen Tag als Mahnung für den Frieden zu nutzen. Als Friedenssonntag. Und dass ist anscheinend sehr, sehr wichtig. Deutsche Soldaten sind an mehreren Auslandseinsätzen beteiligt, eigentlich als eine Art Polizei. Aber es sterben auch Soldaten in diesen Einsätzen, Familien sehen jeden Tag mit den Kindern die Nachrichten in der Hoffnung, dass in Afghanistan kein Anschlag geschehen ist, bei dem Deutsche Soldaten betroffen wurden. Es könnte ja der eigene Ehemann und Vater sein. Es gibt eine Studie darüber, dass diese Kinder, deren Väter im Auslandseinsatz sind, bereits im Kindergarten zur deutlich mehr Aggressionen neigen. So breitet sich der Teufelskreis der Gewalt aus.
In diesem Jahr spricht der Verteidigungsminister zum ersten Mal von Gefallenen sind. Da kann man doch nicht sagen, dass Deutschland im Frieden lebt. Wir sind im Krieg. Insgesamt auf der Welt, man kann doch nicht genug zum Frieden mahnen. Auch wenn wir nicht direkt beteiligt sind im Irak. Da sichern die Amerikaner die Ölförderanlagen für Europa. Und in Georgien, als Russland da einmarschierte, waren unsere Proteste ja auch eher zurückhaltende, denn wir sind von dem Gas abhängig. Und sogar die Vergewaltigungen als Kriegsführungsmittel gehen weiter, aus Georgien gibt es da gerade wieder erschreckende Berichte. Oder wenn es eine Kofferbombenexplosion hier gäbe, während in Westerland die Menschen aus einem Zug aussteigen, das würde sicher 200 Menschen das Leben kosten. Wenn man davor Angst haben muss, ist das doch keine Friedenszeit.
Nicht wenige Menschen sagen angesichts der entfesselten Gewalt in den beiden Weltkriegen, angesichts von Bombennächten und Konzentrationslagern, dass es doch wohl Gott nicht gibt, wenn er dies zugelassen hat. Eine billige Ausrede, denn immerhin sind es doch die Menschen gewesen, die das zugelassen haben. Die nicht hingehört haben, was die Propaganda der NSDAP schon lange verbreitet hat. Die nicht wahr haben wollten, was Hitler ins Mikrophon grölte, es waren Menschen, die weggesehen haben als ihre Nachbarn abgeführt wurden und die oft nicht gelöscht haben als 1938 , also vor 70 Jahren, die Synagogen brannten. Die Judenverfolgung in dieser Nacht war kein geheimer Plan. Die Feuerwehren hatten zuvor von Hitler den Befehl bekommen, in dieser Nacht nur die angrenzenden Häuser zu schützen, die Synagogen sollten kontrolliert abbrennen. Und nur an wenigen Orten in Deutschland haben Menschen Zivilcourage aufgebracht und trotzdem die brennenden Gotteshäuser unserer Mutterreligion gelöscht. Jesus war doch auch Jude.
Aber wir tragen die Schuld an dem Geschehen, damals und heute wieder, wenn auch Gott sicher schwer an der Schuld trägt, dass er uns so viel mehr Freiheit im Handeln gegeben hat als den Tieren. Schließlich hat Gott die Menschen ja auch mit so viel Denkleistung ausgestattet, die die Menschen dann leider auch für die Erfindung grausamste Vernichtungswaffen nutzten. Und obwohl wir es besser wissen, haben wir immer noch nicht die tierischen Instinkte der Rivalität und des Futterneides im Griff. Der bei Tieren übrigens aufhört, sobald ein Tier satt ist. Der Mensch ist wohl nie satt. Die Gier nach immer mehr lässt gerade das System der Weltwirtschaft zusammenbrechen. Ist da Gott ein Konstruktionsfehler unterlaufen? Oder ist es nur unsere Unfähigkeit wider besseres Wissen?
Über 200 Kriege und bewaffnete Auseinandersetzungen seit 1945 auf dieser Erde. Und jedes Jahr ein neuer Krisenherd, jetzt wieder im Kongo. Solange das nicht aufhört, müssen wir weiter mahnen. Solange müssen wir darüber reden, was passiert ist und dass es wieder passieren kann, solange sich Menschen als Gegner sehen und nicht als Mitmenschen.
Nur im Respekt vor dem anderen, dem Ehepartner, dem Nachbarn, dem Andersdenkenden, dem Andersgläubigen, nur im Respekt davor, dass auch der andere ein Gedanke Gottes ist, eine Idee von Gott mit den gleichen Rechten zu leben und derselben Ehre, nur im Respekt davor, können wir den Frieden fördern. Und diesen Respekt werden wir nicht verbreiten durch Gefangenenlager, in denen gefoltert wird, durch ausgedachte Kriegsgründe oder kapitalistische Rohstoffeinkaufspolitik. Respekt ist der Mechanismus, der uns retten kann. Also doch kein Konstruktionsfehler, wir müssen nur die gegebenen Möglichkeiten ausnutzen. Die Bibel nennt das: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“
Nur durch Respekt vor dem anderen kann aus dem Rot des Blutes, Mitmenschlichkeit werden, dann steht Rot für die Liebe.
Gott ist die Liebe und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.
Das heißt, Gott ist in der Liebe in mir. Aber ich muss mir dessen bewusst sein und bleiben. Ich kann zwar Gott zurückdrängen, indem ich nicht in Liebe handle. Dennoch bleibt Gott in mir und die Liebe, die Nächstenliebe. Die Mitmenschlichkeit kann jederzeit aktiviert werden. So ist Gott nicht tot. Gott ist auf dieser Erde erst tot, wenn alle Menschen tot sind. Aber solange lebt Gott und ist spürbar durch die Liebe. AMEN.
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