St. Severin Kirche zu Keitum
                                                                                                                                                                                                  
 

   
Predigt vom 21.03.2010
engel-2.jpgPastorin Susanne Zingel
Sonntag, den 21.03.2010 - Judika

Audiomitschnitt

(ca. 22 Min.)

 

Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da war, der da ist und der da kommt Amen – Liebe Gemeinde,

Gisela war gerade fünfzehn, als die Frau sie abholte. Die Frau saß vorn im Auto und sagte zu ihr: „So jetzt machen wir einen kleinen Ausflug nach Dortmund, da triffst du viele Mädchen in deinem Alter und es wird dir sicher gefallen.“  Arglos stieg Gisela in das Auto.  Als sich die Eisentür hinter ihr schloss, als die Nonne mit der weißen  Haube und dem dunklen Gewand sie in Empfang nahm, als sich der Schlüssel im Schloss drehte, schon da wusste Gisela, dass das alles gelogen war.
 

 

 

„Willkommen bei den unbarmherzigen Schwestern“ – raunte ihr das Mädchen zu, neben das sie gesetzt wurde.
Vier Jahre lebte Gisela in einer katholischen Fürsorgeanstalt. Sie wurde geschlagen, gedemütigt, vollkommen von der Außenwelt abgeschirmt und weggesperrt. Gearbeitet wurde 10 Stunden am Tag in der Wäscherei und Näherei. Sonntags wurden Taschentücher umhäkelt.
Die Mutter war immer zur Arbeit gegangen, dann blieb Gisela allein in der Wohnung zurück.  In der Wohnung gab es zwei Bücher, immer wieder versuchte sie darin zu lesen:  „Die Welt als Wille und Vorstellung“ von Arthur Schopenhauer und „Die vollkommene Ehe“. Mit Marmelade und Schokolade mischte sie sich Lippenstift, übte das Küssen vor dem Spiegel, hörte Elvis Presley so laut, dass die Nachbarn sich aufregten und träumte von einer Welt, in der es niemanden kümmerte, ob einer „unehrlich“ geboren wurde. Dass ihre Mutter auf der anderen Seite stand, wurde Gisela mit 12 Jahren klar. Da kam die Frau vom Jugendamt und ihre Mutter zog aus der Schürzentasche den Liebesbrief, den sie an den Jungen aus der Nachbarschaft geschrieben hatte. Die Frau vom Jugendamt nahm den Brief und las ihn laut vor.
Zum Verhängnis wurde ihr ein Abend im Jugendheim. Sie verpasste den letzten Bus, und traute sich nicht nach Hause. Bei Sonnenaufgang wurde sie von der Polizei eingesammelt. Mittags war sie in der Fürsorgeanstalt.
500 000, vielleicht sogar eine Million Kinder und Jugendliche landeten nach dem Krieg in Heimen und Fürsorgeanstalten. Unehelich geboren, verwaist, im Krieg verloren gegangen, nach der Flucht nirgends angekommen, mit jugendlicher Intuition dabei zu protestieren gegen Mief und Verklemmung und Verdrängung landeten sie im Heim. 
Man kann sagen, das ist lange her, das ist vorbei. Gisela selbst hat es sich gesagt- Aber das ist brutal, denn dann stirbt es noch einmal, das Kind, das sie einmal war. Dann wird es niemals eine Antwort auf die Frage geben: Warum wurde dies Mädchen geopfert. Dies lachende, übermütige, tanzende, weinende Kind. Warum war seine Lebendigkeit kein Trost, kein Quell von Hoffnung und neuem Leben, sondern eine Beleidigung, eine Zumutung für eine Gesellschaft, die nicht trauern und Schuld nicht zugeben konnte.
„Talitha kum, Mädchen, steh auf“ sagte Jesus und nahm die Hand von dem Mädchen, von dem alle sagten, sie ist tot.
Weit ist der Weg - Eine Gesellschaft, die nichts von Trost und Vergebung weiß, wird immer wieder neue Opfer hervorbringen. Immer wieder wird Isaak geopfert und kein Engel kommt und hält das Unheil auf. Die Kinder sind immer die ersten, die das zu  spüren bekommen.
Und Abraham ging am Morgen, seinen Sohn zu opfern – und er sagte sich, es ist Gottes Wille.  Was für eine verstörende Geschichte. Isaak war das ersehnte Kind, Abraham und Sara waren angekommen, sie waren gerettet, hatten alles überstanden, ihnen wurde ein Kind geschenkt. Aber für dieses Kind wurde ein anderes in die Wüste geschickt. Ismael fortgejagt mit Hagar -  Und jetzt Isaak. Abraham wurde bewahrt vor einem Wahnsinn, dem Irrsinn – auch dies Kind noch zu opfern, auszuliefern – Er wurde überzeugt, dass es nicht Gottes Wille sein kann. Aber als er zurückkam von dem Berg Moria, wird er sicher an seinen erstgeborenen verstoßenen Sohn Ismael gedacht haben. Warum ist es so? Muss denn in dieser Welt immer einer geopfert werden?


‚Willkommen bei den unbarmherzigen Schwestern‘ – Wir hören jeden Tag neue Nachrichten von Missbrauch in Eliteinternaten. Es sind nur Daten und Zahlen, und es ist die Spitze eines Eisberges, es scheint lange her und ist doch tägliche Realität. Jedes Jahr werden in der Bundesrepublik 80 000 Kinder missbraucht.  Wenn dazu auch noch Religion und Kirche ins Spiel kommen, dann sagen viele: „Geh mir los mit Religion Das ist alles scheinheilig und verlogen“ und man kann es verstehen, aber war, wenn Religion unsere einzige Chance ist, weise zu werden und zu verstehen, warum es immer wieder geschieht, dass die Unschuldigen geopfert werden.
 
Was hat Gisela sich wohl gedacht, wenn sie Sonntags in der Kirche saß und Text wie dieser wurden vorgelesen? Beten wollte sie nicht mehr. Krankenschwester wollte sie werden. Aber als sie das erste Mal ein totes Kind waschen sollte, da konnte sie nicht aufhören zu weinen. Aus derTiefe ihrer Seele stieg ein so unendlicher Schmerz auf, und sie konnte es nicht erklären, aber ganz bestimmt erkannte sie sich selbst in diesem toten Kind wieder.
„Gehen sie“ sagte eine Schwester - und sie ging einfach, packte ihre Sachen und ging.
Sie ging mit einer amerikanischen Familie in die USA. Dort versuchte sie die vollkommene Ehe zu leben. Zwei Jahre dauerte dieser Versuch. Später ging sie nach England. Sie zog herum wie Abraham damals aber zuletzt kehrte sie nachDeutschland zurück. Den Durchbruch in das eigene Leben geschah in einem Supermarkt. Eine Frau stand neben ihr, und Gisela wusste nicht, warum sie es spürte, was über sie kam, aber mit einem mal fragte sie: „Waren Sie auch im Heim?“ und die andere sagte „JA, ich auch.“  Das war Durchbruch, der Ausstieg aus dem festgewebten Netz des Schweigens. Sie erkannte: ‚Ich bin nicht allein, mein Schicksal wurzelt in einem großen Zusammenhang, ich bin nicht ich bin eine von vielen, viele wurden geopfert so wie ich‘ Sie erinnerte sich, dass in dem Augenblick, als sie sich einem anderen so anvertraute, so auslieferte, in dem Bruchteil einer Sekunde da hatte sie das Gefühl ihr eigenes Leben hängt an einem Faden über einem Abgrund wie im Nichts, -  der Bruchteil einer Sekunde, bis die andere sagte: ‚Ich auch‘ und dies ‚Ich auch‘  war für  sie der Durchbruch –
Jesus hat alles drangegeben, dass Menschen diesen Durchbruch erleben, dass Sünder und  Zöllner, Verratene und Missbrauchte herausfinden aus ihrer Einsamkeit. Wo Jesus war, da war es klar, Nichts auf dieser Welt ist es wert, ein Kind dafür zu opfern. Jesus war es der sagte: ‚Ehe einer ein Kind bekümmert, sollte er  sich einen Mühlstein umhängen und in den nächsten See springen. Denn wer immer ein Kind aufnimmt, der nimmt mich auf.“
 
Und dann wird Jesus selbst geopfert - der einzige Sohn Gottes. Wie sollen  wir das je  verstehen?  Ist Gott opferwütig?  Braucht Gott dies Opfer? Wem ist damit geholfen?
Den unbarmherzigen Schwestern, die vorgeben Jesus zu lieben?
Den Nachbarn, die alles beobachten und verurteilen? Sie merken nicht einmal, wie Christus ihnen nahe ist, sie noch hinter Lüge und Gewalt anschaut bis auf den Grund ihrer Seele.

Warum wurde er geopfert?  Jesus ging nicht in die Wüste, sondern mitten hinein in die Welt.  Er wusste, es reicht einfach, zu behaupten, ‚Selig sind die Friedensstifter, selig sind die Sanftmütigen, selig seid ihr, wenn sie euch um der Wahrheit willen verfolgen.‘ Es ist besser, einer stirbt, als alle müssen sterben – sagen sie, lieber opfern wie einen, als dass wir einen  Aufstand riskieren.  Jesus stand ein für eine Welt, in der niemand geopfert wird. Das ist eine Welt, in der wir zusammenhalten, niemanden ausgrenzen, keinen Sündenbock brauchen, und füreinander da sind. Fangen wir bei uns an: Wenn einer fragt, wie viel Kinder hast du, was sagen wir?  Sagen wir ich habe zwei Kinder, sie sind drei und sieben Jahres alt. Oder sagen wir 321 -  das sind die Kinder in unserer Gemeinde. Das sind alles unsere Kinder. Und es braucht ein ganzes Dorf, eine ganze Gemeinde, um ein Kind großzuziehen.

Das ist der Anfang vom Himmelreich – denn allein kommt da niemand hinein. Die Kinder sind der Maßstab, das Kind in dir, das fremde Kind, das Kind, das du einmal warst, das Kind geboren in einem Stall, und gleich auf die Flucht geschickt: Es braucht uns alle zusammen, es braucht unsere Herzen und unsere Sinne, es braucht Jesus den Christus – einen der uns näher ist als wir uns selbst – der den Tod kennt und noch mehr das Leben, das bleibt in alle Ewigkeit Amen
 
 
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