St. Severin Kirche zu Keitum
                                                                                                                                                                                                  
 

   
Predigt vom 22.02.2009
 

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Pastorin Susanne Zingel
Sonntag, den 22.02.2009

Audiomitschnitt

(ca. 20 Min.)

 

Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da war, der da ist und der da kommt.
Liebe Gemeinde
Das Wasser ist der Gegenspieler des Feuers. Diese beiden Elementen werden niemals Freunde. Als würden sie uns in ihren Kampf mit hineinziehen wollen, bieten beide zur Biike alles auf, was in ihrer Macht steht. Wieder gab es gestern eine verregnete Biike.  Das Feuer hat sich – angefeuert von den Menschen für eine Weile durchgesetzt. Hoch loderten die Flammen. Aber als alle schon längst wieder im Trockenen beim Grünkohlessen saßen,  dann fiel  der Regen immer weiter und behielt zuletzt die Oberhand.

 
 
 

Viele Geschichten ranken sich um die Biike. Dies Feuer geht zurück auf ein heidnisches Fest. Der Winter wird ausgetrieben.  Piratenfeuer werden entzündet. Ein Abschiedsfest für die Walfänger wird gefeiert oder ist es die Botschaft an ferne Freunde: „Sie sind weg, ihr könnt kommen.“

Viele Geschichten werden erzählt. Aber es reicht, einfach einmal dabei zu sein. Wo gibt es in unserer Zeit etwas Vergleichbares?  Woanders würden sich Touristen bei ihrem Reiseleiter beschweren, sollte er ihnen so viel Unannehmlichkeit zumuten.  Hier dagegen ziehen unter  widrigsten Umständen hunderte, wohl tausende  an alte heilige Biikeplätze und stehen im Spiel der Elemente. Und sehen:  'Es ist kein Spiel.' Es ist Ernst. Das Biikefeuer erzählt von existentiellen Kämpfen. Spiele ranken sich darum  herum. Die Biike muss bewacht werden. Früher war die Dorfjugend die Nacht vor der Biike eingeteilt zur Wache. Denn die Jugen aus den anderen Dörfern waren unterwegs. Jeder versuchte dem anderen vor der Zeit die Biike anzuzünden. Das war eine beschämende Niederlage, die keiner einstecken wollte. Das Biike - Feuer erzählt von einem Kampf. Es fragt sich nur -  mit wem?

Wir leben in einer Zeit, wo Kämpfe verpönt ist. Dass wir uns wieder an Kriegen teilnehmen, verstärkt das Tabu nur noch. Es gibt heute Konflikte. Es gibt Wettstreit,   Auseinander-setzungen und Dissens. Es kommt zur Konfrontation. Hier auf Sylt wird ein Golfturnier oder ein Poloturnier ausgetragen. Doch gekämpft wird wenig. Und doch gehört das Kämpfen zu unserem Leben. Irgendwie wissen wir es.  Nur was bedeutet es für uns?
Es scheint ganz unwirklich, virtuell und doch kämpfen gerade jetzt Banken und Unternehmen ums Überleben. Politiker kämpfen um Stimmen und reden eine Sprache, wo man sich durchkämpfen muss, bis man in der Wirklichkeit ankommt, da, wo immer mehr Kinder in Armut leben,  wo Familien um ihren Unterhalt kämpfen.  Es ist eine globale Realität: 2/3 der Menschheit kämpft um die elementarste Grundversorgung.
Acht bis zehn Jahre waren die Jungen auf Sylt, wenn sie auf See geschickt wurden. Man stelle sich das vor, in diesen kalten Februartagen ein Kind mit aufs Schiff zu geben. Ein Grund, warum die Jungen so früh losgeschickt wurden, waren die Kriegswerber. Die kamen im Frühling, und jedes Dorf war verpflichtet, Soldaten zu stellen. Man musste sich rechtzeitig aus dem Staub machen, wenn man nicht kämpfen wollte.  Es war eine Form von Widerstand gewesen, lieber aufs Meer zu gehen, von dem alle wussten, dass es mörderisch sein kann. Aber lieber wollten die Sylter im Kampf mit den Naturgewalten, als in ungerechten Kriegen für fremde Herren ihr Leben lassen.

Wir modernen Menschen haben das Instrumentarium verloren, mit dem wir herausfinden können, was ist ein notwendiger guter Kampf. Was lohnt allen Einsatz? Wir wissen doch, unsere Zeit ist begrenzt. Was also wollen wir aus unserem Leben machen?  Was ist Erfolg, was ist dein Ziel? Auf welche Reise schickst du dein Lebensschiff?
 
In Keitum gibt es ein Haus, da wohnt schon seit Jahrhunderten eine Seefahrerfamilie.  Es ist eines der wenigen Häuser, wo noch heute echte Seefahrer zu Hause sind. Zu diesem Haus gehört das Bild, das sie in der Hand halten: „Jakob kämpft mit dem Engel.“ Das Bild gehört zum Mühlenhof. Da ist Jonna, die wir heute taufen, zu Hause. Es ist ein barockes Relief. Ein Engel und ein Mensch umarmen sich. Der eine breitet seine Flügel aus, dem anderen flattert im Wind sein Mantel. Es ist voll Leichtigkeit und Anmut, und darüber steht Soli Deo Gloria. Es sieht aus wie ein Tanz und doch sind es auseinanderstrebende Kräfte.

„Allein Gott sei Ehre“, das haben die Engel gesungen für die  Hirten auf dem Felde. Das ist die Botschaft der Armen, zu denen Gott kommt. Hier verknüpft einer sie für uns ganz neu. Euer Vorfahr hat es an Euer Haus geschrieben. „ Allein Gott sei Ehre.“ Und wie jede Keitumer Familie, die so weit zurückschauen kann, könnt ihr erzählen von Gelingen und Niederlage, von reicher Fahrt, von Unglück und Segen. Wir haben das Leben nicht in der Hand. Es ist größer als wir. Das Leben hat uns in der Hand. Als wollte es uns das zeigen, wachsen Blätter in das Bild hinein. Es ist eine Clematis, die da Platz haben möchte, um sich zu entfalten.  Sie nimmt uns den Blick darauf, wie der Spruch weitergeht. Denn da steht unter den Blättern: „Ich lasse dich nicht du segnest mich denn.“

Das sagt Jakob zu dem Engel der Kampf am Jabbok. Jakob steht am Fluss, morgen wird er seinem Bruder Esau begegnen.  Vor Jahren hat er ihn betrogen. Der Zorn des Bruders war damals  abgrundtief, tödlich. Da floh Jakob. Jetzt sind 21 Jahre vergangen. 21 Jahre ist es her, das er fliehen musste. War es damals jugendlicher Leichtsinn, Dummheit?  Sein Glück hat er mittlerweile gemacht. Er hat gekämpft um seine Liebe, für seine Kinder, und jetzt steht ihm der letzte Kampf bevor – der Kampf mit sich selbst.  Jakob ist in dieser Nacht vor der Begegnung mit seinem Bruder ganz allein am Fluss. Und da erscheint ihm ein Engel und er ringt mit dem Engel die ganze Nacht hindurch bis zur Morgenröte. Dieser Kampf ist größer als er. Er weiß nicht genau warum. Er weiß nur, dieser Kampf muss gekämpft werden: „Ich lasse dich nicht du segnest mich denn.“

Morgen wird er seinem Bruder entgegentreten. Wird er ihm zeigen könne, dass es ihm wirklich leid tut? Dass in ihm alles bereit ist für Versöhnung. Wird er Esau zeigen können, dass es ihm wichtiger ist, als alles andere, Frieden zu schließen, sich zu versöhnen mit dem Bruder? Alles, was ich habe, gebe ich Dir. Allen Reichtum kannst du haben – allein deine Freundschaft ist mir wichtig. Stellt euch das einmal hier vor, in unserem Dorf:  Um kein Geld der Welt wird das Elternhaus weggeben. Wichtiger als alles Geld der Welt ist der Frieden in unserer Familie. Wieviel sinnlose Kämpfer würden da nicht gekämpft.

Jonna ist noch so klein. Jakob war so jung, als er Esau betrog. Nicht zu jeder Zeit unseres Lebens wissen wir, was wichtig ist. Aber wir können hineinwachsen. Dass wir lernen, den guten Kampf zu kämpfen. Dass wir erkennen, was wichtig ist, was echt ist? Der schwerste Kampf ist dabei, sich  von falschen Vorstellungen zu verabschieden, die wir uns von uns selbst machen.

Das Feuer reinigt und läutert. Es verbrennt alles Überflüssige.  Es ist eine Gefahr, aber es wärmt. Glücklich ist, wer sich mit dem Feuer verbündet.

Das Wasser reinigt. Es bringt Erstarrtes wieder ins Fließen. Glücklich ist, wer sich mit dem Wasser verbündet.

Wir Menschen vereinen in uns auseinander strebende Kräfte. Gerade darin liegt unsere Kraft und unsere Würde. Wir haben es nicht nötig, uns auf eine Seite zu schlagen, uns durchzumogeln, oberflächlich daher zu kommen. Wir sind Menschen und können uns verbünden mit dem lebendigen Gott.  In Gott findet alles Gegeneinander zueinander, findet sich wieder in einem Frieden höher als alle Vernunft. Möge dieser Frieden unsere Herzen und Sinne bewahren in Jesus Christus, der da Herr ist über alle Mächte und Gewalten. Amen

 
 
 
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