St. Severin Kirche zu Keitum
                                                                                                                                                                                                  
 

   
Predigt vom 22.03.2009

kabat.jpgPastorin Susanne Zingel
Sonntag Lätare, 22. März 2009
Johannes 12, 20-26


Audiomitschnitt

(ca. 17 Min.)

 

Aufführung von Krabat im
Hamburger Schauspielhaus
  

 

Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da war, der da ist und der da kommt. Amen

Liebe  Gemeinde,

Und da waren Griechen, die baten Philippus und sprachen: „Herr, wir wollen gerne Jesus sehen.“
Die Griechen stehen für die Klugen, die Gebildeten. Sie kommen mit der Weisheit der Philosophen, mit Geist und Verstand. Sie wollen hören, was Jesus zu sagen hat und bitten höflich, Jesus zu sehen. Wo Jesus sonst doch den Menschen so nah kam, wird es hier schwierig. Sie bitten erst Philippus. Der, als traute er sich nicht allein zu Jesus zu gehen, bittet Andreas. Zusammen gehen dann beide Jünger und fragen Jesus und bekommen eine Abfuhr. Jesus geht nicht auf ihre Frage ein und signalisiert, es ist zu spät. Er antwortetet nur mit einem geheimnisvollen Wort: „Wenn das  Korn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein. Wenn es aber stirbt, dann bringt es viel Frucht.“ Dieses Jesuswort kennen wir auch von den anderen Evangelisten. Bei Matthäus und Lukas ist es Teil einer Rede schon viel früher, dem Volk und allen Jüngern gepredigt.

 



























Hier wird es zu einem rätselhaften Bildwort, das den Tod Jesu vorwegnimmt und deutet:  der Tod hat nicht die Macht, alles sinnlos verfallen zu lassen. Wie ein Weizenkorn in die Erde gelegt wird und erstirbt und nicht mehr zu finden ist, so wächst es doch weiter und bringt dreißig-, sechzig-, hundertfache Frucht. So wird Jesus sterben, aber nicht vergeblich. Denn die Liebe ist stärker als der Tod, und wer sich selbst verliert, der wird reiche Frucht bringen. Das kann man einfach sagen, und es ist ein schönes Bild, und doch würden wir es alle gerne sehen und erleben, dass es wahr ist. 
Auf der Bühne im Hamburger Schauspielhaus stehen die drei heiligen Könige. Sie klopfen an jede Tür.  Es sind in Wahrheit gar keine Könige. Es sind bettelnde Waisenknaben. Jeder trägt einen Umhang aus Zeitungspapier und eine Krone aus Goldpapier. Sie folgen eigentlich keinem Stern und glauben nicht, dass sie das Jesuskind sehen werden. Sie sind Sternensinger und hoffen auf eine warme Mahlzeit oder wenigstens ein Stückchen Brot.
So begann das Theaterstück Krabat in Hamburg. Der Waisenjunge Krabat ist einer der Sternensänger. Wir wollen Jesus sehen. Er wird Jesus nicht sehen. Er wird ihm nicht begegnen. Dafür aber wird er die Kraft der Liebe erfahren, die ihn durch den Tod hindurch auferstehen lässt. Diese Liebe wird Krabat aus dem Reich des Todes befreien. Ein Rabe lockt ihn in eine geheimnisvolle Mühle. Dort arbeiten sieben Gesellen und doch haben sie kaum etwas zu tun. Es dauert eine Weile bis Krabat hinter das dunkle Geheimnis  kommt. Der Müller der Mühle hat durch schwere Schuld sein Leben längst verwirkt. Er hat aber mit dem Tod und dem Teufel einen Pakt geschlossen, der ihn leben lässt. Obwohl sein Leben schon verfallen war, muss er nicht sterben, solange er in jeder Vollmondnacht die  Knochen, die der Tod ihm bringt, in seiner Mühle mahlen lässt. Und als wäre das noch nicht genug, muss einer der Gesellen, die ihm dabei helfen, in der Osternacht sterben. So darf der Müller weiterleben.
Niemand kann dieser dunklen Mühle entrinnen – Die Gesellen – allesamt Waisenkinder, weggelockt wie Krabat von der Bettelstraße mit der Hoffnung, etwas Besseres als den Tod finden wir doch überall. Sie beruhigen sich, dass es ihnen hier noch besser geht. Weil sie keinen Ausweg wissen,  verdrängen sie,  wie schnell die Zeit in dieser Mühle vergeht.
Ein Tag ist eine Woche, eine Woche ist ein Jahr. Die Zeit vergeht, als flöge sie davon. Keiner traut dem anderen, denn jeder kann der nächste sein.
Und doch gibt es eine Kraft, die bis in diese dunkle Mühle hineinragt und die sie alle befreien wird. Ein Mädchen aus dem Dorf verliebt sich in Krabat. „Das einzige, was dich retten kann ist ein Mädchen, das dich liebt und das bereit ist, in der Osternacht in die Mühle zu kommen und sich der Probe des Müllers zu unterziehen.“  Sie muss unter sieben Gesellen ihren Geliebten wiedererkennen.  Gelingt es ihr, dann ist er frei. Irrt sie, dann sind sie beide des Todes. Diese Probe scheint nicht schwer, und doch der Müller verbunden mit Zauberkraft verwandelt Krabat und die anderen Gesellen in schwarze Raben. Aber selbst so erkennt sie ihn, denn sie hört auf die Stimme ihres Herzens. 
Diese Geschichte von Otfried Preußler ist eine sorbische Legende  nacherzählt. Diese Geschichte ist  märchenhaft und doch ganz nah: Für wie viele ist das Leben eine Tretmühle, die sich ohne Sinn und ohne Ziel, aber unter größten Mühen dreht – und die Zeit vergeht wie im Flug. Und schon ist einer alt geworden und hat nicht gelebt.
Und einer hat das Gefühl, das Leben sei an ihm vorbeigegangen, aber alles, was unangenehm schien, wurde verdrängt und unterdrückt.
Und schon hat einer seine Gesundheit drangegeben und merkt zu spät, es hat sich nicht gelohnt. Es war einfach ein Tretmühle, aus der es kein Entrinnen gab.
Das Rad des Lebens oder der Lauf der Welt?
Es sei denn, alles macht Sinn und alles ist gut, weil es mit Liebe und Glaube erfüllt ist. Die Liebe, die alles dran gibt, ist die rettende Kraft. Die sorbische Sage gibt es in vielen Variationen; Am Anfang war es die Mutter von Krabat, die Mutter, die bereit ist, ihr Leben zu geben für ihr einziges Kind. Das versteht jeder.
Otfried Preußler hat die Mutter zur Geliebten gemacht. Und  erfindet eine wunderbare Szene, wo sich Krabat in das Mädchen verliebt und sie sich in ihn.  Wieder ist es der Ostermorgen.  Da sieht Krabat von ferne, wie das Mädchen am Ostermorgen Wasser holen geht und dabei singt: „Christ ist erstanden von der Marter alle – des solln wir alle fröhlich sein, Christ will unser Trost sein.  Halleluja.“
Das singt sie so  selbstvergessen und sicher, dass Krabat von ferne im Hören schauen kann bis auf den Grund ihrer Seele und sich dabei verliebt.
Dem Regisseur in Hamburg erschien dies wohl zu fromm, um es auf die Bühne zu bringen.
 In der Inszenierung steht das Mädchen da wunderschön und singt: nur noch La, la la la la . . .keine weitere Botschaft nur ein la, la, la. Wie ein Echo von den vielen Musiken, die wir um uns herum hören, all überall, die von Liebe erzählen. Aber wo die Botschaft sich verflüchtigt. Wer wagt für ein La la la la la  sein Leben? Und doch – das ist wirklich spannend - arbeiten die alten Symbole weiter.
Unser Sonntag Lätare  hat eine Farbe, die ihn heraushebt aus der Passionszeit. Zu der Passionszeit gehört die liturgische Farbe lila, und der Sonntag Lätare ist rosa. Rosa, wie das allererste Morgenrot, ein Lichtstreif am Himmel, eine erste Ahnung, ein Hauch von Erlösung, ein Lichtblick in dunkler Nacht.  Und welche Farbe hat wohl das Kleid was das schöne Dorfmädchen trägt?  - Natürlich rosa.
Nicht dieses Kleinmädchen pinkypink, sondern ein wirklicher Lichtblick, die Morgenröte. In diesem Licht, das erinnert an den Ostermorgen,  sind beide behütet und bestehen die Probe.
Herr, wir wollen gern Jesus sehen. Christus, bei dem geblieben ist bis ganz zuletzt seine Mutter Maria, Maria Magdalena und der Johannes. Herr wir wollen gern Jesus sehen und sie sehen ein Weizenkorn in die Erde gelegt. Sie bleiben dabei bis ganz zuletzt.  Sie brechen keinen bösen Zauber. Ihnen begegnet nichts, was Gebildete und Philosophen auf Anhieb überzeugt. Aber es behütet sie die Kraft der Liebe, die stärker ist als der Tod. Diese Liebe erspart einem nicht den Schmerz und die Tränen, aber sie hebt einen heraus aus einer unerträglichen Tretmühle. Si enimmt uns hinein in die ganz andere Geschichte, die Geschichte Gottes, dass es einen Frieden gibt, höher als alle Vernunft. Und dass in diesem Frieden aufgehoben ist, alles, was einer gibt und schenkt an Liebe und an Güte. Es ist bewahrt bis in alle Ewigkeit durch Christus Jesus unserm Herrn. Amen

 

 

 

 
 
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