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Ausnutzbar und hilflos ist jeder von uns, wenn es einen trifft, dich selbst oder schlimmer noch den Menschen, den du liebst. Was wäre einer da wohl bereit zu geben für ein Leben, für ein ganzes Leben, für den Hauch einer Hoffnung. Alles, solange dies Leben alles ist, was uns bleibt, wenn diese Welt alles zu sein scheint und unser Leben nur ein kleiner Hauch.
Jesus ließ auf sich warten. Martha schickte ihm Boten. „Mein Bruder ist krank, komm und rette ihn.“ Jesus kam abernicht. Dabei war er nicht weit entfernt, ein kleine Stunde Weg, er kam nicht. Als die Jünger ihn fragten, warum nicht, sagte er, „das dient der Verherrlichung Gottes. Um euretwillen bin ich froh, dass ich nicht da gewesen bin.“ Das klingt so arrogant, dass man nicht glauben kann, dass es Jesus ist, der da spricht. Ein Mensch ist in Not, geh nicht vorbei, Erinnere dich an den barmherzige Samariter. Komm und hilf, der du helfen kannst. Wie oft gebetet ‚Herr erbarme dich‘ und es wurde nicht erhört. ‚Wenn du da gewesen wärest, mein Bruder wäre nicht gestorben,‘ sagt Martha. Sie sagt es ohne Vorwurf und Jesus fängt an zu diskutieren und belehrt Martha. Die hält das alles aus, bis Maria kommt, die sich nicht trösten lässt und weint und Jesus weint auch: ‚Sieh wie sehr er ihn geliebt hat‘. Und sie klagen und weinen und mittendrin wird Jesus wütend. Das Gemisch aus Trauer und Verzweiflung, das ganze Volk, alles verloren, es macht ihn wütend. Wütend ruft Jesus: „Lazarus, komm heraus“, und er kam heraus. Ein Toter wird wieder lebendig. Es ist keine Auferstehung, es ist die Belebung eines stinkenden Leichnams. Und es ist offen, was einen mehr ärgert, dass Jesus sich so bitten lässt, oder dass die Geschichte uns so etwas Unglaubliches zumutet.
Wobei was am hellichten Tag ausgeschlossen zu sein scheint, im Dunkel wächst die Bereitschaft, das zu glauben. In der Nacht um Mitternacht kehren die unerlösten Toten zurück. Unbestimmt die Ahnung, das Leben geht weiter, aber ohne Liebe, ohne Gnade ist es nur der Stoff, aus dem das Grauen sich zusammenwebt.
Ich erinnere mich an meine Gemeinde in Hamburg. Das Pastorat steht in einem historischen Friedhof, den ein hohes schmiedeeisernes Gitter umgibt. Einmal rief ich spät in der Nacht ein Taxi. Der Taxifahrer fuhr vor, ich kam aus dem Tor, und der Fahrer fragt mit tonloser Stimme: Wo kommen Sie denn her?“ Meine Antwort: „Ich wohne da“, jagte ihm für einen Augenblick einen Schreck ein: „Gibt es sie oder gibt es sie nicht, die unerlösten Toten, die herumgeistern?“. Was es wirklich gibt, sind Menschen, die dunklem Kult verfallen. Diese Christianskirche in Hamburg hat immer wieder zu kämpfen mit satanischen Angriffen. Der Name: Hier sind die ‚Christians‘, die Christen, zieht rechtsradikale Satanisten an. Zweimal gab es das, in den Achtzigern, in den Neunzigern. Jedes Mal starben in Hamburg unter mysteriösen Umständen Jugendliche, Plötzlich war es vorbei, aber nicht zu ende. Jugendliche sind die ersten, die in einer Welt die dem Tod huldigt aus den Fugengeraten. Diese verwahrlosten Jugendlichen sind keine Ausgeburt der Hölle. Sie sind ein Spiegel unserer Gesellschaft, die den Tod verdrängt und ihm doch dient. All überall haben wir mit dem Tod zu tun. Wir exportieren ihn in andere Länder, wir finanzieren ihn, wir bekämpfen ihn, wir füttern ihn mit unserem Überfluss. Die Zeitungen berichten darüber, Kino und Fernsehprogramm ist voll mit Mord und Totschlag. Aber wir wollen nichts mit ihm zu tun haben. Der Sänger Nick Cave hat ein Stück geschrieben, „But what do we really know of the dead and who actually cares? Lazrus dig Yourself, I want You to dig back in that hole. Lazarus begrab dich selbst, was willst hier, denn was wissen wir schon von den Toten und wen kümmert das.“ Warum soll es uns kümmern? Weil ein Leben, das den Tod verleugnet unbarmherzig und maßlos wird? Weil ein Leben, das den Tod nur bekämpft, kalt und starr wird? In jeder Taufe sagen wir, du brauchst Dich nicht zu fürchten, du gehörst zu dem, der durch den Tod hindurchgegangen ist, Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben, glaubst du das, Ja ich glaube. Glaubt ihr wirklich an diese Kraft? Sie weckt das Gewissen und sie ist die Quelle von Liebe, die allem widersteht. Dostojewsi hat das unvergleichlich in dem Roman ‚Schuld und Sühne‘ beschrieben:
Der Student Raskolnikow hat getötet. Er erklärt die Pfandleiherin Lisaweta zu einer Frau, die ihr Leben verwirkt hat, die ihm das Recht gibt, sie zu töten. Schnell gerät er ins Visier der Ermittler. Zynisch wähnt er sich sicher, denn er weiß, der Richter kann ihn nicht überführen. Er hat aber nicht gerechnet mit seinem eigenen Gewissen und mit der Kraft der Liebe. Der Richter fragt ihn: „Und glauben Sie an Gott? Entschuldigen Sie meine Neugier.“ „Ich glaube“ wiederholte Raskolnikow, wobei er den Blick zu dem Richter hob. „Und . . . und glauben sie auch an die Auferweckung des Lazarus?“ „ Ich . . . Ich glaube. Warum wollen sie das wissen?“ „Glauben sie buchstäblich daran?“ „Buchstäblich.“
Warum wollen sie das wissen? Weil der Richter weiß, dass es das Leben ändert, wenn es sie gibt, die Auferstehung. Weil es das eigene Leben verändert, wenn einer sagt: ‚Ich glaube, sie werden auferstehen, ich selbst werde auferstehen und die tote Pfandleiherin auch, Ich werde vor Gottes Angesicht stehen.‘ ‚Glaubst du an die Auferstehung, die Auferstehung des Lazarus?‘ Die zukünftige Welt wird nur der sehen, der diese Welt liebt als gäbe es keine zweite. Das stimmt. Aber wenn keiner mehr davon spricht, von der verrückten Hoffnung, die unserem flüchtigen Leben Ewigkeit verleiht, wie will er dem Opfer seine Würde und sein Recht zurückgeben, dem Täter sein Gewissen, und uns eine Liebe stark wie der Tod. Der Richter irritiert Raskolnikow. Er verunsichert ihn, er bringt ihn zum Nachdenken, aber nicht auf die Knie. Das tut Sonja, die Hure. Die feine Seele, die alles tut um ihren unglücklichen Vater, ihre Stiefmutter und hungrigen Geschwister zu versorgen. Bei ihr findet Raskolnikow die Bibel und bittet Sonja lies mir die Geschichte vom Lazarus vor. Und sie liest und sie lässt nichts aus und sie hält verlegen inne, immer wieder zittert ihre Stimme, und fängt sie sich und liest weiter: Wer an mich glaubt, der wird leben, ob er gleich stürbe. Und wer da lebet und glaubet an mich, der wird nimmermehr sterben, glaubst Du das: Und sie spricht zu ihm – und nachdem sie sichtlich unter Schmerzen Atem geschöpft hatte, las Sonja deutlich und nachdrücklich, als lege sie selbst vor aller Welt das Bekenntnis ab: Herr ja ich glaube, dass du bist Christus der Sohn Gottes, der in die Welt gekommen ist. Sonja zittert und bebt, weil sie spürt, wie die Geschichten ineinander übergehen, Raskolnikoff findet in Sonja Martha und Maria, die an Christus glaubt und ihn Raskolnikof liebt und Jesus ruft mit lauter Stimme Lazarus komm heraus. Und Raskolnikow wird auferstehen. Er wird mit Sonja in die Verbannung gehen wird und seine Strafe annehmen wird und wieder ein Mensch werden unter Menschen. Aber das ist noch ein langer Weg, aber er wird ihn finden und auch gehen, denn ihn behütet ein Friede höher als alle Vernunft, der bewahre auch unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus unserm Herrn. Amen
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