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Der Wunsch, zur Rechten und zur Linken zu sitzen ist ein Herzenswunsch der beiden. Sie reden aber auch drum herum wie kleine Kinder. Man kann fast schmunzeln. Sie bitten Jesus: 'Erfülle uns den Wunsch, um den wir dich gleich bitten werden.' Wissen sie doch ganz genau, es ist nicht nur ein Herzenswunsch. Es ist auch eine Machtfrage. Jakobus und Johannes stellen sich das Himmelreich hierarchisch vor. Der Herr der Heerscharen hält Hof. Es versammelt sich ein ganzes Gefolge. Ein hoher Thron, daneben emporgehobene Stühle. Dass das Reich Jesu nicht von dieser Welt ist, das haben Jakobus und Johannes mittlerweile angenommen. Aber nun heben sie einfach irdische Reiche in den Himmel und sich selbst rechts und links daneben.
„Gib, dass wir sitzen dürfen einer zu deiner Rechten und einer zu deiner Linken.“
Jesus gibt keine Antwort, sondern stellt eine Frage: „Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinken werde? Und könnt ihr mit der Taufe getauft werden, mit der ich getauft werde?“ Damit meint er seinen Tod. Und Jakobus und Johannes sagen: „Ja, das können wir.“
Und es ist wahr, Jakobus wird den Märtyrertod sterben, Johannes wird aus dem giftigen Kelch trinken. Und Jesus als wäre ihm das gerade entfallen, wo er doch allwissend ist, sagt: „Ja genau, es stimmt, aber trotzdem kann ich euch nicht sagen, wer sitzen wird zu meiner Rechten und meiner Linken. Das wird denen zuteil, für die es bestimmt ist.“
Wäre das alles, wäre es überaus ärgerlich. Denn dann lässt Jesus an dieser Stelle die Machtfrage offen, und es entsteht ein großes Vakuum. Das öffnet Tor und Tür für Spekulationen, wie wird es denn sein im Himmelreich? :
Hier oben ist an die Kirchenwand nur noch undeutlich zu erkennen gemalt Christus, so wie man ihn sich damals im Mittelalter vorstellte. Wohl über ihm der segnende Regenbogen, aber er sitzt da Schwert und Lilie im Mund, und zur rechten sieht man die Erlösten und auf der anderen Seite die Verdammten. Soll es wirklich so sein im Himmelreich? Werden da geschieden 'Gerechte' und 'Ungerechte', 'Fromme' und 'Verlorene'? Zum Glück ist es eine Erinnerung, die noch da ist in unserer Kirche und gleichzeitig eine, die die Zeit verwischt hat. Und zum Glück regt sich auch Widerstand der anderen Jünger. Sie beschweren sich über Jakobus und Johannes. Zum Glück, denn damit bringen sie Jesus dazu noch mehr zu sagen zu dieser Frage und auch deutlicher zu werden. „Wisst Ihr denn nicht, die als Herrscher gelten, halten ihre Völker nieder, und ihre Mächtigen tun ihnen Gewalt an. Aber so ist es unter euch nicht, sondern wer unter euch groß sein will, der soll aller Diener sein und wer unter euch der Erste sein will, der soll allen dienen.“ Damit stellt Jesus die Verhältnisse auf den Kopf. Er kehrt das unterste zu oberst. Und weil man aber nicht lange auf dem Kopf stehen kann, kommt zwangsläufig Bewegung in das Ganze: Man darf wieder schmunzeln und es sich ganz bildlich vorstellen: man nehme die zwölf Jünger und stelle sie in eine Reihe. Kaum erkennt einer, dass er der erste ist, bekommt er einen Schreck und stellt sich wieder hinten an. So dass ein anderer bemerkt: 'Oh, jetzt bin ich vorne' und muss sich wieder hinten anstellen. Das ergäbe so eine Art Reise nach Jerusalem, wo der verliert, der nicht bemerkt, ich habe mich ganz nach vor gedrängelt.
Das wäre ein Spiel, eine ständige Bewegung. Es ist spielerisch der Anfang von dem, was uns von Gott erzählt wird, dass Gott in sich eine niemals ruhende Bewegung ewig verströmender Liebe ist, die jeden Mangel ausgleicht und aus der Fülle gibt dort, wo es gebraucht wird. So soll es unter Euch auch sein. So soll unter euch entstehen eine Gemeinschaft, eine Gemeinde, in der ein neuer, ein ganz anderer Geist herrscht.
In der Welt, die wir kennen, geht es immer um den Wettlauf um die ersten Plätze. Wer ist vorn? Wer ist erster, wer hat gewonnen?
Geht es doch heute auch darum, wer wird gewinnen. Heute wird auf Sylt gewählt und es wird spannend. Wir haben alle miterlebt, wieviel von denen gefordert wird, die sich dazu bereit erklären, ein Amt zu übernehmen. Wieviel Last und Mühe bringt das mit sich, manchmal mehr als einer tragen kann. Mitten drin braucht es einen sehr freien Geist: denn es steht ja nicht fest, was tut der Insel wirklich gut, was fördert das miteinander, was hat wirklich Bestand?
In der Sylter Rundschau war vor einigen Tagen zu lesen, 'Das Jahr 2008 war ein Rekordjahr'. Mit über 6,6 Millionen Übernachtungen, „rechtzeitig zum Beginn der Internationalen Tourismusbörse (ITB) glänzt die Insel Sylt mit touristischen Rekordzahlen: Im vergangenen Jahr kamen 813 000 Gäste (plus 3,6 Prozent) auf die Insel, die Zahl der Übernachtungen stieg um 2,13 Prozent auf über 6,6 Millionen an. Damit wurde 2008 der bisherige Übernachtungsrekord von 1993 (6,5 Mio.) überboten.“ Was für ein Erfolg wird da eigentlich gefeiert. Ist denn alles Gold, was glänzt? Seltsam ist doch, dass alle, mit denen man ins Gespräch kommt, über den Massentourismus klagen. Dass die Gäste, die lange schon hierher kommen zusammen mit den Einheimischen erzählen, dass die Insel viel verloren hat von dem, was wirklich ihren Zauber und ihren Reiz ausmacht. Ist Erfolg denn wirklich immer Erfolg? Ist es wirklich wahr, wenn wir weiterlesen: „Getrübt wird diese insgesamt positive Bilanz jedoch durch drastische Rückgänge im Sylter Osten sowie in List.“ Und dann wird uns vorgerechnet, dass hier Prozentpunkte verloren gegangen sind. Aber wollen wir denn wirklich immer ganz vorn sein? Ist es das, was wir miteinander anstreben, Spitzenreiter zu sein? Oder wollen wir behüten und fördern, und das rechte Mass finden, die Zeitspanne, die es wirklich braucht, dass etwas wachsen kann? Wir haben hier auf dieser Insel eine ganz besondere Chance dazu. Gerade weil es eine Insel ist. Die Verhältnisse sind überschaubar und
nachvollziehbar und wir haben den besten Lehrmeister vor der Tür: Das Meer. Das Meer, das durch die Jahrhunderte alles mitnimmt, was keinen Bestand hat, was auf Sand gebaut ist
Das Meer, das uns umgibt, steht wie die Ewigkeit Gottes. Alles, was starr ist und fest, das nimmt es mit. Nur was ausdauernd ist, was nachgibt und doch bei sich bleibt, verbunden ist mit anderen, beharrlich ohne Härte, das hat Bestand.
Noch eine andere Geschichte von Jakobus und Johannes: „Ich bin denn mal weg“ sagte Harpe Kerkeling und machte sich auf den Weg nach Santiago de Compstella. Jahr für Jahr sind es mehr und mehr, die sich auf diesen Weg machen. Kaum einer weiß, dass der Pilgerweg nach Santiago auch ein Weg ist, wo es um Macht geht. Der Diktator Franko hat diesen Pilgerweg propagandistisch gegen die Linke befördert und den Jakobustag zum Nationalfeiertag erklärt. Aber zum Glück geht die Legende noch weiter zurück. Jakobus hat den Kelch getrunken, wurde mit der Taufe getauft. Er starb den Märtyrertod. Dazu gibt es eine Legende. Wenn man sie sich hier am Meer vorstellt, wird sie besonders schön. Denn am Mittelmeer legten seine Freunde den Jakobus in ein Schiff. Sie begruben ihn nicht, sondern als Märtyrer legten sie ihn in ein Schiff, um ihn dem Zugriff der Verfolger zu entziehen. Dieses Schiff wurde von Engelshand über das ganze Mittelmeer getragen bis hin nach Santiago de Compostella. Um dort nur auf neue Tyrannen zu treffen: Lupa; eine bösartige Königin. Als sie von der Ankunft des Heiligen hörte, von ersten Wundern, die um ihn herum geschahen, da wurde sie zornig und schickte wilde Stiere, die sollten das Schiff zertreten. Aber als die Tiere an den Strand kamen, wurden sie lammfromm und zogen das Schiff in die Stadt. Und Lupa wurde fromm, der Wolf wurde zum Lamm, und sie glaubt an die Botschaft, dass die Liebe stärker ist als alle anderen Mächte und Gewalten.
Ich bin denn mal weg. Es ist ein weiter Weg um herauszutreten aus den Zusammenhängen von Macht und der Versuchung, sich über andere zu erheben. Jakobus der Pilger steht bei uns vorn im Altar mit der Jakobusmuschel an dem Pilgerhut. Sein Bruder Johannes steht mit dem Kelch auch dabei. Ich bin dann mal weg. Ich mache mich auf einen ganz anderen Weg. Den großen Pilgerweg, letzlich ist es der ganze Weg unseres Lebens. Allein kommt man auf diesem Weg nicht voran, man findet sich zusammen in einer Gemeinschaft, trifft sich immer wieder in der Herberge. Ganz als erster geht man nur eine kleine Weile, findet wieder zurück zu den anderen, gemeinsam anzukommen und zu wissen, was wirklich zählt, gäbe Gott uns dazu seinen Frieden höher als alle Vernunft und bewahre er unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus unserm Herrn. Amen
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