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Liebe Gemeinde,
Das Fest Peter und Paul ist bei uns Evangelischen nicht so hoch geachtet, wie in der Katholischen Kirche. Aber auch bei uns ist es ein ausgewiesenes Fest mit einer eigenen Liturgie. Es ist etwas besonderes, wenn es auf einen Sonntag fällt. Dass der Tag „Peter und Paul“ oft zu kurz kommt, ist schade. Es ist ein wunderbares Fest, das die Verbundenheit der Christen stärken und in aller Verschiedenheit die Einheit befördern kann.
Verschieden waren Petrus und Paulus nun wirklich.
Petrus, der einfache Fischer, Paulus, der hochgebildete jüdische Theologe
Petrus, der von Anfang an mit Jesus ging, Paulus, der so spät dazu kam
Petrus, der für Jesus zum Schwert griff, Paulus, der am Anfang die Christen verfolgte
Petrus, der immer übers Ziel hinausschießt, Paulus, der alles sorgfältig bedenkt.
Die beiden wurden oft gegeneinander ausgespielt. Aber sie selbst stärkten das Gemeinsame. So Paulus, wenn er sagt: „Es gibt ein Fundament, das ist Christus. Niemand kann einen anderen Grund legen. Seht zu wie ihr darauf aufbaut.“ Da hatte er bestimmt das Wort im Hinterkopf, „Petrus du bist der Fels, auf dir baue ich meine Kirche auf.“ Dabei wird schnell klar, dieser Fels ist allein Christusglaube, Liebe und die Bereitschaft, einander immer wieder zu vergeben. Das Petrus und Paulus dieser Tag heute gemeinsam zugesprochen wird, ist eine schöne Weisheit. Denn bis heute stehen beide für einen konfessionellen Gegensatz. Das Grab des Petrus im Petersdom ist das Fundament des Papsttums. Paulus dagegen außerhalb der Stadtmauern des alten Roms begraben, hat Luther zum Durchbruch verholfen.
Nun wird in diesem Jahr, an diesem Sonntag in Rom das paulinische Jahr ausgerufen, denn vor 2000 Jahren wurde der Legende nach Paulus geboren. Das wäre ein guter Grund ökumenischer Verbundenheit aufzuhelfen. Leider sind wir davon weit entfernt. Der Papst hat schon im Vorwege verlauten lassen, dass Petrus dem Paulus vorgeordnet sei. Statt des Gesprächs mit den Protestanten, hat er für Gebete am Paulusgrab einen vollkommenen Ablass ausgerufen und sucht in der Türkei die paulinische Geburtsstätte in eine katholische Pilgerstätte zu verwandeln, was wiederum bei den orthodoxen Kirchenführern größtes Unbehagen hervorruft.
Wir sind wirklich weit entfernt von einer Einheit. Dabei predigt unsere Tradition das Verbindende. Peter und Paul gehören beide zusammen. Um Verbundenheit geht es in unserem Predigttext: „Kommt und trinkt vernünftig lautere Milch. Kommt zu Christus, dem lebendigen Stein, der von den Menschen verworfen, von Gott erwählt wurde. Lasst euch als lebendige Steine auferbauen zu einem geistlichen Haus,“ in dem der Geist Gottes sich ausbreiten kann, in dem Wertschätzung, Respekt und Freude an der Vielfalt zu Hause sind.
„Kommt zu Christus dem lebendigen Stein.“ Es gibt das uralte Bild vom Stein der Weisen. Aus diesem Stein sprudelt klares Wasser, Wein, Milch, Lebenselixier. Die Weisen suchen danach, aber gefunden hat ihn niemand. Hier wird gesagt, In Christus ist dieser Stein der Weisen gefunden, es überfließender Quell von Weisheit und Leben. Der Stein der Weisen verwandelt Unedles in Gold und Edelstein. So macht Christus aus Fischern Apostel, verwandelt Saulus in einen Paulus und uns in gottgeliebte, geisterfüllte Menschenkinder, die bereit sind, sich auf das mühsame Geschäft des Miteinanders einzulassen.
„Kommt zu Christus dem lebendigen Stein“ - Wasser aus dem Felsen, das Wasser der Taufe, ein Taufstein wird zu diesem Bild inspiriert haben. Christus ist ein lebendiger Stein
und verwandelt auch euch. Lasst euch verwandeln in lebendige Steine. Das ist ein Paradoxon. Ein Stein ist nicht lebendig, oder besser er scheint nicht lebendig zu sein. Ein Stein ist nicht beweglich. Er verändert sich nicht. Er ergreift nicht von sich aus eine Initiative. Aber ein Stein ist nicht tot. Gerade Kirchbauten können uns das lehren. St. Severins Kirchturm ist dafür ein lebendiges Zeichen. Stürme, Regen und Frost haben ihm zugesetzt. Immer wieder musste er ausgebessert werden. Deutlich sieht man seine Geschichte erzählt vom Nebeneinander alter und neuer Steine. Der Turm arbeitet. Die Steine nehmen Wasser auf, sie geben Wasser ab, sie atmen. Sie leiten die Kräfte von oben nach unten. Jeder einzelne Stein trägt nur einen kleinen Teil, aber der ist wichtig. Seine Aufgabe ist begrenzt und doch ist alles in ein Ganzes eingebunden.
Jeder Stein ist notwendig, damit der innere Raum entsteht. Dies ist die eigentliche Aufgabe, nicht einfach nur Mauer zu sein, sondern Raum zu schaffen für andere, für Gemeinschaft, für gute Erfahrung mit Gott. Das Bild von dem lebendigen Stein übersetzt Martin Luther so:
„Aus dem allen folgt der Beschluss: ein Christenmensch lebt nicht in sich selbst, sondern in Christus und seinem Nächsten, in Christus durch den Glauben, im Nächsten durch die Liebe. Durch den Glauben fähret er über sich in Gott, aus Gott fähret er wieder unter sich durch die Liebe und bleibt doch immer in Gott und göttlicher Liebe, gleich wie Christus Joh. 1, 51 sagt: »Ihr werdet den Himmel offen sehen und die Engel Gottes hinauf und herab fahren auf des Menschen Sohn“.
Das ist für uns modernen Individualisten etwas Unerhörtes. Wer sich einbinden lässt in die Gemeinschaft, der kann erleben, dass der Himmel offen steht. So wertvoll ganz eigene religiöse Empfindungen sind, bei aller Ergriffenheit, zu der wir fähig sind: Der Himmel steht offen, wo wir nicht in uns selbst bleiben, sondern in Gott und bei den Menschen neben uns. Wo ihr loslasst das krampfhaft Eigene, euch einlasst auf Gemeinde, kommt der Himmel zu euch herab. Das ist unerhört und zugleich eine große Sehnsucht, die alle Menschen teilen. Sie feiert in diesen Tagen, auf Straßen und Plätzen, (am 29. Juni fand das EM-Finale statt) Es ist ein großes Fest voller Freude. Es ist aber auch ein begrenztes Spektakel. Wie immer heute abend gespielt wird, danach ist das Fest vorbei. Es bleibt die Erinnerung, aber auch die Ratlosigkeit, wo bleibt denn diese Bereitschaft sich einzulassen, eins zu werden, außer sich zu sein vor Freude.
Man muss sagen, eine Europameisterschaft ist wunderschön, aber so leicht ist wahre Gemeinschaft nicht zu haben. Man darf auch sagen, so schwer, wie die Kirchenfürsten es machen, ist es nun auch wieder nicht. „Lasst euch verwandeln von Christus“, Er ist der Eckstein, ein lebendiger Stein. Seine Kraft beginnt, wo wir meinen am Ende zu sein. Wo alle dachten, es ist zu Ende, aus und vorbei, da wurde der Grundstein gelegt für das „neue Haus Gottes“, voll Auferstehungshoffnung, Glaubenskraft und Liebe. Da kommt das heillose Gegeneinander von Menschen zum Ende und das Himmelreich beginnt.
Wir sind dem hier auf der Spur. St. Severin ist ein besonderer Ort, an dem sich Linien kreuzen. Unsere Kirche ist genauso lange katholisch wie evangelisch. Von Kopenhagen und Odense aus missioniert, war es lange dänisch. Konfessionen und Nationalitäten verbinden sich und noch mehr: Vor unserer Kirche ist ein wahrhaft lebendiger Stein zu finden. Ein Quellstein. Ein lebendiger Stein, Ehemals war er eingefügt in die Südertür als Schwellenstein. Aber deutlich sah man auch, dass er nicht ursprünglich dafür gemacht worden war. Offenbar gehört er zu dem germanischen Heiligtum, das hier vorher auf dem Berg der Göttin Freya geweiht war. Als die Kirche gebaut wurde, wurde er als Schwelle eingebaut. Das war eine Demütigung, aber mit Abstand heißt es: das Neue fußt auf dem Alten. Und Christus sagt, ich bin die Tür. Möge er sie uns weit öffnen, dass wir finden den Frieden höher als alle Vernunft, die Freude im Glauben und die Verbundenheit im Geist,
so bewahre unsere Herzen und Sinne Christus Jesus, unser Herr.
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