St. Severin Kirche zu Keitum
                                                                                                                                                                                                  
 

   
Predigt vom 29.11.2009

muehleisenorgel.jpgPastorin Susanne Zingel
Sonntag, den 29.11.2009 (1. Advent)
mit der Feier des zehnjährigen Jubiläums der Mühleisenorgel

Audiomitschnitt

(ca. 14 Min.)

 

 

 

Gnade sei mit euch und Friede von  dem der da war, der da ist und der da kommt.
Liebe Gemeinde, nun komm der Heiden Heiland, der Jungfrauen Kind erkannt, dass sich wunder alle Welt  Gott solch Geburt ihm bestellt.
Gewundert habe ich mich im ersten Moment, als unser Kantor Alexander Ivanov vorschlug, für unseren Festgottesdienst nehmen wir diesen einen  Choral und stellen ihn in an den Anfang, wir stellen ihn in die Mitte, wir werden ihn singen und hören es am Ende noch einmal. Mehr gibt es nicht zu bitten, mehr gibt es nicht zu wünschen, als dass es wahr wird, nun komm der Heiden Heiland. So erklingen drei verschiedene Choralvorspiele von Johann Sebastian Bach. Eins knüpft an das andere an und legt den gleichen Choral immer neu aus. Jedes verhüllt ihn, versteckt die Melodie und eröffnet sie.

 

Es stimmt uns darauf ein, dass in dem Augenblick, wo wir das Gesangbuch aufschlagen, den Text lesen, das Lied singen in uns ein ganzer Schatz aufgeht. Immer neu interpretiert gibt es hier keine ultimative letzte Auslegung. Vielmehr geht es um die Annäherung an ein Wunder höher als unsere Vernunft und doch in Worten zu beschreiben. Und auch wenn sie immer zu klein bleiben, brauchen wir doch Worte, um zu ahnen, was bei uns zum Schwingen kommt. Ob wir es spüren oder nicht, jedes Mal wenn wir einen Choral singen, tut sich unter uns ein Wunder auf, denn wir begeben uns auf eine Zeitreise. „Nun komm der Heiden Heiland“, dieser Text stammt aus dem 4. Jahrhundert. Wir wandern mit ihm durch die Zeiten, vom alten Kirchenvater Ambrosius gedichtet, kam als unsere Severinskirche  gebaut wurde die Melodie dazu. Luther dichtete weiter und  hier in dieser Kirche wurde der Choral gesungen von allem Anfang an, immer gleich und immer neu.
Eine Gemeinde, die Adventslieder singt, begibt sich auf wunderbare Wege. Die Musik trägt uns über uns hinaus. Sie nimmt uns mit dahin, wo Maria ihr Magnificat singt. Wir sind dabei, wenn die Tochter Zion in den höchsten Tönen jubelt. Wir spüren, wie sich die Tore Jerusalems öffnen, wie einer kommt und das ganze Volk singt: „Hosianna, gelobet sei, er da kommt im Namen des Herrn.“ Die Adventschoräle bringen uns dahin, wo die Engel singen und den Hirten helfen auch einzustimmen. 
Die Orgel ist die Königin der Instrumente. Sie enthält alle Töne, alle Stimmungen, jedes Instrument kommt darin vor. Die Orgel ist ein mächtiges Instrument.  Sie hat lauter Eigenschaften, die Gott, dem Schöpfer zugeschrieben werden:  allgegenwärtig, überwältigend, gewaltig lässt sie das alles im Gottesdienst. Sie lässt es und wird demütig. Die Orgel wird zur Helferin, um uns aufzuhelfen, unsere Schwächen auszugleichen, wo so viele sagen, ‚ich kann gar nicht singen, ich traue mich nicht‘,   gleicht sie unsere Schwächen aus.  Demütig wie die Könige auf ihrem Weg wird die Orgel, wenn einer sie so spielen kann. Dann stellt sie sich als Helferin, Stimmbilderin, tragender Akkord ganz in den Dienst  der Gemeinde. Dabei predigt sie ohne Worte  eine große Theologie vom Logos, in dem alles Sinn macht, weil der Schöpfer gegenwärtig ist und Christus zu uns kommt.  Sein Lauf kam vom Vater und kehrt wieder zum Vater zurück, das ist ganz große Theologie, und es sind hier genug Theologen, die darüber lange diskutieren könnten. Aber die Musik lässt das. Sie geht ganz einfach Ton für Ton in einen Lauf über die Tasten. Sein Lauf kam vom Vater und kehrt wieder zum Vater zurück. So folgt der Choral einer Tonleiter,  die aus einem Anfangston sich erhebt, einem Ursprung und dorthin kehrt sie auch immer wieder zurück. Wir alle wissen, so eine Tonleiter besteht aus acht Tönen. Aus ihnen setzt sich eine Melodie zusammen. Es beginnt mit einem schönen Grundton. Bei dem Choral „Nun komm der Heiden Heiland“ ist es ein volles rundes ‚g‘. Zu diesem Ton kehrt die Melodie am Ende auch wieder zurück. A und O, Anfang und Ende berühren sich und wir sind mit dabei und folgen diesem Lauf. Dabei sind es  nicht acht, sonder zwölf Töne. Vier Töne liegen einfach still und schweigend dabei, nicht alle kommen zum Klingen. Es ist bestimmt kein Zufall, dass es zwölf Töne sind, die Zahl der Vollkommenheit, 12 Stunden hat der Tag, 12 Stunden hat die Nacht,  12 Monate das Jahr, 12 Jünger sitzen vorn auf dem Altarbild  im Kreis um Jesus. Jeder ist auf einen eigenen Ton gestimmt.  Glauben, Fragen, Zweifel, bis hin zum Verrat sind in einem Lauf umgriffen. Alles kommt aus Gott und ist von ihm umgriffen, A und O. Darüber kommen wir nicht hinaus, wir kommen nicht weiter. Und es ist nicht die Frage, wie wir immer weiter kommen, sondern wie wir hineinkommen in diese Mitte, Fülle und Harmonie.
Gestern haben wir hier eine kleine feine Hochzeit gefeiert. Das Brautpaar sagte gleich: „Wir singen nicht“, da waren sich beide ganz einig. „Gut, Ihr singt nicht,“meinte ich,  „dann singen wir für euch.“ Aber natürlich blieb es nicht dabei. In dem Augenblick, wo die Kirchentür aufgeht, die Orgel die beiden begrüßt und die Kerzen leuchten und alles ist bereit, da treten die beiden ein in einen Raum, der uns freier und mutiger macht. Und es war gar keine Frage: „Macht hoch die Tür, die Tor macht weit,“ natürlich singen wir da mit. Und „Großer Gott, wir loben dich“, das natürlich auch. und alle Fragen, alle Zweifel, sind mit dabei, aber sie halten still, wie die vier ruhenden Töne. Sie klingen für einen Augenblick nicht  weiter, denn alles ist gut und voller Sinn.
So öffnet der Klang, die Musik, die alten Choräle, die Orgel unser Herz und unsere  Seele. Geheimnisvoll füllt sie untergründige Kanäle unserer Seele, zu denen wir in unserem Alltagsbewusstsein gar keinen Zugang haben. Die Orgel, die Musik und eine Gemeinde, die singt, die kennt den Weg. Bei dem wunderbaren Konzert am Freitag, was haben wir da für Musik gehört. Am Ende gingen ganz viele hinaus und summten vor sich hin, „Was Gott tut, das ist wohl getan.“  Matthias Eisenberg hatte die Melodie durch alle Register hindurch variiert,  als Frage, als zarte Ahnung, als große Zusage: ‚Was Gott tut, das ist wohl getan.‘ Und wir Konzertbesucher standen auf, wandten uns schon zum Gehen, aber die Musik blieb. Selbstvergessen summen Menschen vor sich hin und andere stimmen mit ein. Die Choräle entfalten Kräfte, die über uns hinaus gehen. Sie sind widerständig und kraftvoll. Sie sind größer als unser Glaube, aber unser Glaube kann hineinwachsen.  Ein alter Pastor erzählte mir: „Manchmal wache ich nachts auf, und dann habe ich die Melodie eines Chorals im Sinn. Fast ist es als hätte dieser  Choral mich geweckt.“ Und dann erzählt er weiter: „Dann liege ich wach und komme nicht auf die Worte, die zu dieser Melodie gehören. Aber ich summe sie vor mich hin. Dann schlafe ich wieder ein. Und morgens wache ich auf und weiß einen Text, aber nicht mehr die Melodie.“  Aber gerade das hält wach. Und es bringt ihn dazu, obwohl er so viele Choräle auswendig kann, dabei zu bleiben, im Gesangbuch zu blättern. Es bringt ihn dazu im Gottesdienst, gemeinsam zu singen und diesen Schatz weiter wachsen zu lassen, denn glücklich, wer nachts aufwacht und die Nacht ist nicht einfach dunkel und ohne Worte, ohne logos, ohne  Melodie. Diese Gnade schenke uns Gott und dazu bewahre der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft  unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus unserm Herrn. Amen

 
 
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