St. Severin Kirche zu Keitum
                                                                                                                                                                                                  
 

   
Predigt vom 31.08.2008 ( 15. Sonntag nach Trinitatis ) PDF Drucken

Pastorin Susanne Zingel
Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da war, der da ist und der da kommt.
Liebe Gemeinde,
Theologen  und andere Menschen haben meist nicht so viel Humor wie unser Schöpfer. Darum bekommen die Engel im Himmel und Gott heute allerlei zum Schmunzeln, denn heute wird in unseren Kirchen über die Schöpfungsgeschichte gepredigt. Die himmlischen Heerscharen lächeln über all die vielen gewichtigen Auslegungen. ZB
„Die Schöpfungsgeschichte ist  ein Mythos aus dem kollektiven Gedächtnis unserer abendländischen Kultur.“ „Sie lebt von wirkmächtigen Bilder, die wahr sind, wahrer als das, was wir an Weltwissen erforschen können.“ „Sie will keine Theorie der Weltentstehung sein, sondern sie will uns den inneren Daseinssinn erschließen.“
Das sind  Worte, wo schon mein Computer sagt: „die kenne ich nicht. Wie schreibt man das.?“ Und während die Theologen über weitere Wortschöpfungen nachsinnen, schmunzelt Gott und ... geht an den Strand.  Gott spielt im Matsch im Watt, auf der Sandbank. Er spielt mit den Kindern, baut Burgen und Dämme. Er ist dabei, wenn sie sich gegenseitig in den Sand einbuddeln und hinterher um die Wette laufen und ins Wasser springen, munter wie ein Fisch im Wasser. Seestern, Krebs und Krabbe, die ihr Dasein einem Strandförmchen zu verdanken haben, wird die nächste Flut mitnehmen. Gottes Atem wird sie nicht zum Leben erwecken. Aber Große und Kleine können es spüren: So da zu sein, einfach da zu sein, das macht lebendig.  Der ganze Mensch wird, was er ist: ein atmendes Wesen, atmend mit Haut und Haar.
Gott geht an den Strand und spielt im Sand. Damals wie heute. Wir müssen gar nicht die großartigen antiken Mythen der Weltentstehung der Assyrer, Ägypter und Babylonier kennen, Gilgamesch, den  Mythos von Isis Osiris, dazu die großartigen Tempel und den brutalen Herrscherkult. Schon eine kleine Ahnung davon reicht, um sich vorzustellen, dass Israels Weise schmunzelfrech daher kamen, als sie sagten: „Das sind ja unglaubliche Geschichten, was eure Götter alles schaffen. Unser Gott geht auf den Acker und spielt mit Lehm. Er setzt sich hin und formt aus Erde, aus Schlamm eine Gestalt und weil sie ihm so gut gefällt, haucht er ihn an. Und ... berührt von Gottes Atem schlägt  der Mensch Adam die Augen auf. So bist du da ein atmendes Wesen.
Gott spielt fröhlich wie ein Kind im Matsch und herauskommt mit unwiderstehlicher Zärtlichkeit ein ganzer Mensch. Wir brauchen nur inne zuhalten und bewusst ausatmen und einatmen, und wir sind am Schöpfungsanfang. Jeder kann es sofort spüren: wir leben nicht aus uns. Luft und Leben strömt in uns ein, jeden Augenblick neu, unwillkürlich. Dass wir da sind und wir leben, verdanken wir nicht uns selbst. Das Leben wird uns immer wieder neu geschenkt. Es ist so einfach, aber unser Alltag ist nicht einfach. Darum ist es überwältigend, das Gefühl, wenn wir hier weit weg von unserem  Alltag am Meer sind. Kein Anzug, kein Kostüm, ohne Verhüllung und Verkleidung. Alles fällt ab. Wir sind einfach, was wir sind. Wir sind da wie am allerersten Anfang und am Ziel.
Nun kann man natürlich nicht daran vorbei, dass die  Schöpfungsgeschichte  herhalten muss, die Entstehung der Welt zu erklären. Die Kreationisten , das sind die,die die glauben, das war alles wirklich so,  sind auf dem Vormarsch. Aber die verdrehen alles. Und das weiß man schon lange:
Jean Paul hat auf der Grenze vom 18.  zum 19.Jahrhundert ein Buch geschrieben: Die „Kleine Vorschule der Ästhetik.“ 10 Jahre hat er daran gearbeitet.  9 Jahre hat er sie überarbeitet und 12 Jahre hat er  an der „Kleinen Nachschule zur ästhetischen Vorschule“ gearbeitet. Das heißt, er hat sich sein ganzes Leben mit der Kunst der  Wahrnehmung beschäftigt. Was ist wahr, wirklich und wichtig? Wie formt unsere Wahrnehmung unser Weltbild? Jean Paul schreibt genau für uns heute:
„Wenn der Mensch, wie die alte Theologie es tat, aus der überirdischen Welt auf die irdische herunterschaut, so zieht diese klein und eitel dahin, wenn er mit der kleinen wie es der Humor tut, die unendliche ausmisst und verknüpft, so entsteht jenes Lachen, worin noch ein Schmerz und eine Größe ist.“ Jean Paul Vorschule der Ästhetik S. 129
Das tut die Schöpfungsgeschichte, sie misst mit unserer kleinen Welt die große aus. Sie kommt nicht von oben, vom Götterhimmel, sondern fängt mit uns an, was Gott für uns ist und wir für ihn. Sie misst mit unserer kleinen Welt die große aus: „Am Anfang war das Nichts. Das kannst du dir schwer vorstellen. Du musst alles, was es jetzt gibt weglassen. Du musst das Licht ausmachen und selbst nicht da sein, und dann sogar noch die Dunkelheit vergessen. Wenn du den Anfang von allem sehen willst, musst du sehr viel weglassen. Auch deine Mutter.“ (Bart Moeyaert, Am Anfang)
Diesen Augenblick kennt jedes Kind. Er ist schrecklich, beängstigend, aber auch wunderbar. Es ist ein Anlass, sich darüber zu wundern, es gab ein Zeit, da war ich nicht, es gab ein Zeit ohne mich, Es ist eine Welt vorstellbar, in der Du keine Rolle spielst, weil es dich nicht gibt. Diese Erkenntnis kann der Anfang von Zynismus sein, von Gleichgültigkeit und auch von Barbarei. Wo es gleichgültig ist, ob du da bist, wo einer mehr oder weniger nicht ins Gewicht fällt.
Die Schöpfungsgeschichte kennt das Gegenmittel gegen diesen Zynismus. Es ist Heilerde. Aus Erde schuf Gott den Menschen, aus feuchter Erde, aus adama, aus humus, aus Schlamm, formte er ihn. Von Erde sind wir genommen. Das ist der Anfang von Humanität, von Menschwerdung. Ein Mensch, der nicht größer von sich denkt, der annimmt, was wir sind:  erdenschwer und doch gottverwandt. Er wird sich üben in Demut humilitas. Er wird nichts verachten, was allzu menschlich ist. Er wird jedem mit Wertschätzung begegnen. Er wird keine großartigen Ziele beschwören. Er wird andere nicht belehren, aber jeder kann von ihm lernen. Er wird sich verbeugen vor dem Kind, denn wenn ihr das Himmelreich nicht aufnehmt wie ein Kind, ihr kommt nicht hinein. Mit dieser Botschaft, mit dieser Humanität kam Jesus. Und er kam  voller Humor. Jesus brachte Menschen dazu, über sich selbst zu lachen.  Er erzählte ein Gleichnis und die es hörten, sie merkten nicht sofort, das bin ja ich selbst. Das bin ich, der tausend Dinge so wichtig nimmt und dabei das Beste vergisst. Sie lachten über die eigene Dummheit. Jesus brachte Traurige zum Lächeln, Reiche zum Schmunzeln, und es war wie im Paradies. Denn wir vergessen das Beste, oder wussten sie es:  Humor ist die Kraft, die Erde zu Muttererde, zum Humus macht. Humor heißt übersetzt „Feuchtigkeit“. Humorvoll ist ein Mensch, der so überfließt von Freundlichkeit und Güte, dass  es andere lachen lässt. Humor beschreibt alle Skurilitäten zu denen wir Menschen fähig. Aber wenn einer erkennt, es ist skurill, es ist verrückt, nicht zu verstehen, es ist komisch, was wir alles anfangen und wichtig nehmen und einer lacht, dann ist das der Anfang von Heilung, von Ahnung, wie Gott uns wirklich gemeint hat. Es ist etwas Einsicht vom Baum der Erkenntnis. Es ist die Kraft vom Baum des Lebens. Gott war nicht nur am Anfang ein Gärtner, er ist es für uns jeden Tag neu und zu helfen, dass wir uns einwurzeln in seine Güte und reifen im  Glauben. Du bist geschaffen durch Gottes Hand, möge von dir ausgehen sein Friede, der uns behütet, höher als alle Vernunft, er bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus unserm Herrn. 

 
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