15Auf dieses Wort ist Verlass und es verdient aus ganzem Herzen angenommen zu werden: Der Christos Jesus ist in die Welt gekommen, um sündige Menschen zu retten. Von den Sündern bin ich der erste,
16 habe aber deshalb Begnadigung erfahren, damit der Christos Jesus an mir als erstem seine ganze Langmut beweisen konnte. So sollte ich ein Modell werden für die, die in Zukunft auf ihn vertrauen, auf dass sie das ewige Leben erhalten.
17Dem König über alle Zeiten, der unvergänglichen, unsichtbaren, einzigen Gottheit, sei Ehre und Ruhm für immer und alle Zeiten.
Gnade und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus sei mit euch allen!
Der Predigttext erzählt uns von einem Vorbild oder auch von einem Star. Und der „Star“ der frühen Christenheit war der Apostel Paulus. Rund ums östliche Mittelmeer hat Paulus viele Gemeinden gegründet. Er muss über ein Höchstmaß an Energie verfügt haben, die ihn viele Tausende von Kilometern gehen ließ, von Gemeinde zu Gemeinde. Durch das Gebiet der heutigen Türkei oder durch Griechenland. Eine ungeheure power muss ihm zugewachsen sein, eine Kraft, die er Kraft Christi nannte, die ihn sagen ließ:
„Darum bin ich guten Mutes in Schwachheit, in Misshandlungen, in Nöten, in Verfolgungen und Ängsten ...“
Liebe Gemeinde! Paulus ist ein ungewöhnliches Vorbild. Gar nicht so wie die Menschen, die man uns heutzutage als Vorbilder präsentiert. Die sind stark, cool und schön. Das beginnt bei DSDS und ähnlichen Sendungen, geht über Bewerbungstrainings, wo man lernt, selbst die Schwächen als Stärken zu verkaufen bis man sich das selber abkauft, und endet manchmal im Burnout: Vor lauter Strahlen ist man plötzlich ausgebrannt. Bloß keine Schwäche zeigen, immer gut und sicher aussehen, egal wie es tief drinnen in einem aussieht. Aber: „Bin ich das wirklich, was andere von mir sagen? Oder bin ich nur das, was ich selbst von mir weiß? Unruhig, sehnsüchtig, krank wie ein Vogel im Käfig, ringend nach Lebensatem, als würgte mir einer die Kehle .... wie Dietrich Bonhoeffer es in Widerstand und Ergebung beschreibt.
Unsere Vorbilder scheinen stark, cool und schön zu sein. In der Welt ist das so gefordert und manchmal auch in der Kirche. Aber das ist gefährlich und verlogen, weil die innere Wahrheit verloren geht. Unsere Vorbilder und auch wir selbst sind nicht so. Auch wenn heute keiner mehr etwas von Schuld und Sünde hören will, sondern von Erziehung und Sachzwängen redet. Wenn wir die Schuld auch bei Umständen und anderen Menschen suchen, ist es doch so, dass wir beteiligt sind. Oder Schuldig werden, weil wir nichts tun und uns raushalten. Selbst wenn ich ein Engel wäre - wir leben nicht im Paradies. Ob ich will oder nicht, ich mache mich schuldig. Und da finde ich es nur konsequent, wenn ich für Fehler auch einstehe und eventuell von einem Amt, einer Aufgabe zurück trete, auch wenn es schwer fällt. Darüber wurde in den letzten Monaten ja viel gesprochen. Über die schuldhaften Zusammenhänge unseres Systems kann ich mich nicht mit Engelsflügeln hinwegheben. Wenn ich z.B. billig einkaufe, zahlt ein anderer den Preis, entweder weil er einen zu niedrigen Lohn bekommt oder weil gar Kinder in fernen Ländern für meinen Wohlstand arbeiten anstatt zur Schule zu gehen. Auch über mein Menschsein kann ich mich nicht erheben; Engel sind wir eben alle nicht. Und wenn ich noch so lieb und gut bin, so wohnt in mir doch immer auch der andere Teil, der ängstlich, zornig und eifersüchtig, wütend und trotzig ist und das auch zeigt und andere spüren lässt - auch wenn es ihm hinterher leid tut.
Paulus ist ein Vorbild. Heute sind oft die Stars zugleich Vorbilder.
Ein Star sein - Tausende scheinen davon zu träumen. Fernsehsendungen, die Superstare, Supertalente oder das nächste Topmodel suchen und herstellen, haben höchste Einschaltquoten und sind beliebt bei jung und alt. Wäre dieser Traum im Rampenlicht zu stehen und Star zu sein nicht so extrem wichtig, würde dieser TV-Markt nicht funktionieren.
Ein Star sein - das ist eine beliebte Phantasie,
ein Tagtraum, den viele gerne träumen. Doch warum?
...
Nun, weil dieser Traum - zumindest in der Phantasie - uns rausholt aus dem alltäglichen Trott, aus dem Grau-in-grau, dem einerlei, dem Immergleichen und uns zu etwas besonderem macht.
Ein Star sein – das gaukelt uns auch noch etwas anderes vor: Als Star - so scheint es nämlich - da sind wir – unsere Probleme und Schwierigkeiten, unsere Fehler los, unsere negativen Seiten, all das, was uns stört an uns selbst.
Star - Stern. Ein neuer Stern am Himmel!
Sterne leuchten, Sterne strahlen, sind schön und hell. Mit den Stars ist es nicht anders, sie leuchten und strahlen. Wer möchte das nicht einmal?
Und Dunkle Seiten ... gibt es anscheinend nicht, oder sie verblassen und liegen im Dunkeln.
Der biblische Text für den heutigen Sonntag entwirft ein anderes Modell. Heute haben wir es mit einem Star zu tun, der seine Stärken kennt, aber auch die dunklen Seiten seiner Vergangenheit. Denn er hatte erhebliche Schwächen, unter anderem war er vor seiner Bekehrung ein Christenverfolger. Was auch immer darunter zu verstehen ist. Vielleicht hat er dafür gesorgt, dass Christen mit Stockschlägen für ihren abweichenden Glauben bestraft wurden. Er selbst sagt: „Ihr habt ja von meinem früheren Leben im Judentum gehört, wie ich die Gemeinde Gottes zum äußersten verfolgte und sie zu vernichten suchte ...“
Ein Star mit dunkler Vergangenheit, der nicht nur funkelte und strahlte. Gerade ihn jedoch hatte Christus sich ausersehen, gerade ihn! Denn: „Christus Jesus ist in die Welt gekommen, die Sünder selig zu machen.“
Nicht die Perfekten, nicht die Coolen ohne Schwächen, nicht die Makellosen, nein: die Sünder, die fehlerhaften und fehlenden Menschen. Und deshalb wird Paulus zum Vorbild. Gerade weil er von seiner Schwäche spricht. Paulus redet sich nicht raus. Er leugnet seine Vergangenheit nicht; er wiegelt nicht ab. Er hat keine Ausreden oder fadenscheinigen Entschuldigungen. Ich musste das so tun, weil…
Und das wunderbare und überraschende an dieser Geschichte des Paulus ist, dass er das auch gar nicht muss, weil gerade an ihm, diesem Menschen mit katastrophaler Vorgeschichte, uns allen deutlich werden soll: Menschen mit Vergangenheit kriegen einen neuen Anfang geschenkt! Weil wir an ihm sehen können, wie man als Sünder seine Schuld eingestehen kann und trotzdem gerechtfertigt lebt.
Es gibt immer wieder einen Neuanfang. Und wenn es sein muss immer und immer wieder. Gott rechnet uns Schuld und Sünde nicht zu. Nicht, weil wir eben alle unsere Fehler haben und er gutmütig ist. Nicht, weil Vergeben nun halt seine Aufgabe wäre. Sondern weil sein Wesen die Liebe ist. Aus Liebe ist Christus in diese Welt gekommen. Aus Liebe hat er unter uns gelebt und aus Liebe ist er gestorben und wieder auferstanden. Aus Liebe sagt er zu uns: Ich will dich gebrauchen. So wie du bist, bist du mir willkommen. Du bist wertvoll für mich! Viel zu wertvoll, als dass du verloren gehen dürftest.
Vielleicht spricht alles gegen uns, aber er ist für uns. Auch wenn es Zeiten in unserem Leben gegeben haben mag oder gibt, in denen uns Gott, Jesus Christus, die Kirche egal waren oder sind. Und auch wenn es uns manchmal schwerfällt zu glauben: Er will etwas mit uns anfangen. Unserem Leben eine neue Richtung geben. Ein neues Ziel. Er wartet nicht, bis wir ihn suchen, sondern er sucht uns selbst. So hat Paulus es erlebt und so hat er Jesu Worte verstanden: „Mit dir kann ich etwas anfangen! Dir traue ich etwas zu! Du sollst in meiner Hand ein ganz >besonderes Werkzeug< sein!“ Trotz all deiner Schwächen. Risse, Sprünge und Brüche im Leben. Auch bei uns, Ihnen und mir.
Haben wir das nötig? Brauchen wir einen, der uns selig macht? Sind wir nicht selber stark und groß genug? Wir nehmen unser Leben doch gerne selbst in die Hand. Manchmal mit bester Absicht. Verrennen uns in die eigenen Wünsche, Absichten und Ziele. Wollen die Welt verbessern, aus den Angeln heben und setzen dabei auf die Kraft unserer starken Arme und klugen Gedanken. Und stehen oft genug vor dem Scherbenhaufen unserer gescheiterten Wege.
Mit dir kann ich etwas anfangen, sagt Jesus, sagt Gott. Er traut uns etwas zu. Darin besteht seine Liebe. So hat es Paulus erfahren. Und er ist zum Vorbild geworden für viele andere. Wir dürfen dieselbe Erfahrung machen. Obwohl wir immer wieder schuld sind und Schuld haben, atmen wir den Duft seiner Freiheit, trotz unserer Schwächen gehören wir dazu und trotz unserer Fehler nimmt uns Gott als seine Kinder an und schenkt uns unsere Würde neu. Davon zu erzählen ist unser aller Aufgabe. Und dann auf den Auftrag zu hören und ihn anzunehmen. Sicherlich muss jetzt nicht jede von uns losziehen wie Paulus, aber es gibt für jeden von uns jeden Tag die Möglichkeit mit Gott neu anzufangen und an seiner Kirche mit zu bauen. Amen.