St. Severin Kirche zu Keitum
                                                                                                                                                                                                  
 

   
Predigt vom 04.04.2010 - Ostersonntag

st_severin_ostersonntag_2010.jpgPastorin Susanne Zingel
Sonntag, den 04.04.2010 (Ostersonntag)

Audiomitschnitt

(ca. 15 Min.)

 

Im Turmraum war ein kleines Schafgatter aufgebaut, in dem vier Osterlämmer die Gemeinde erwarteten. Vor der Predigt zogen Konfirmanden mit einem Lamm und der weißroten Osterfahne ein. Es folgte eine Kinderpredigt über die Waffen, mit denen ein Lamm sich verteidigt – nämlich Demut, Geduld und Barmherzigkeit. Nach dem Auszug der Kinder folgte die Predigt: 

Gnade sei mit euch, und Friede von dem, der da war, der da ist, und der da kommt - Amen
Liebe Gemeinde, Auferstehung ist eine wunderbar geheimnisvolle Kraft.
 

 

Niemand von uns kann sie sehen. Wir können sie nicht sichtbar machen wie zum Beispiel Magnetismus oder Elektrizität. Und doch gibt es tausend Weisen sie zu beschreiben. Wenn einer fragt: Wie sollen wir das machen? Dann am besten genau das, was hier im Gottesdienst geschieht: Lade viele Kinder ein, bau im Kirchturm einen Stall und setz ein Lämmchen hinein. Nimm noch zwei dazu und schau, was passiert. Ihr werdet am Ostermorgen Weihnachtslieder singen. Ihr werdet lachen, ihr werdet lächeln. Sie werden euch entführen in andere Welten. Sie werden euch Freude bringen und Leben und Entzücken. Es ist so ein schönes Wort, das wir selten gebrauchen. Entzücken - Das bringt ein Lamm und Kinder tragen es herein – Entzücken, das ist wie verwandt mit Lämmchen oder Zicklein - ein Herz, das hüpft wie ein Lamm auf der Wiese.

Während Häschen und Küken sich erst sehr  viel später beim Osterfest eingefunden haben, ist das Lamm seit allem Anfang an eingebunden in diese große Geschichte von Tod und Leben und Heil. Von allem Anfang ist es dabei, das Passahlamm. Das geopferte Lamm und das Lamm, das den Sieg davon trägt und seine Fahne schwenkt. Wunderbare Gemälde gibt es davon. So haben uns die Alten die Auferstehung kunstvoll vor Augen gemalt. Und indem sie es taten, indem sie es so zusammenfügten - sagen Sie uns: die Osterbotschaft ist kein Dogma, kein fester Satz, den du in Stein gemeißelt dir für alle Zeit aufbewahren könntest. Auferstehung geschieht, ist Freude und eine Zuversicht, die immer neu in uns geboren werden will - lachend und mit Entzücken.

Auferstehung ist auf dieser Insel in diesen Tagen leicht zu finden. Man braucht nur in eine der Schäferkinderstuben zu gehen. Hier in Keitum beim Gänsehof, oder bei Diedrichsens in List. Da geht es laut zu. Alle kleinen Lämmer und Schafe sind zusammen in einem ganz großen Raum, in einem Stall. Es ist so laut, dass man sein eigenes Wort nicht verstehen kann und fast alle, mit denen ich dort gewesen bin, die fangen wie von selbst an und antworten den Tieren mit einem fröhlichen ‚Määhähä‘. Es ist so laut, dass man sowieso kein Wort versteht. Und wenn man genau hinschaut, dann sieht man, es ist eine stete Botschaft zwischen Muttertier und Lamm. Denn dieses ‚Määhähä‘ heißt nicht einfach nur fröhlich „Ich bin hier“, sondern zwischen Mutter und Lämmchen geht hin und her immer wieder die Frage "Wo bist du?" - "Ich bin hier" - "Siehst du mich?" - "Bist du wirklich da?" - "Was machst du?" - "Ich sehe dich" - "Alles ist gut". So wäre das ungefähr, wenn man es übersetzt in unsere Sprache. So weiß einer immer, wo der andere ist. Nur in einer Ecke ist es still. Da stehen die Flaschenlämmer. Das sind die kleinen Lämmchen, die die Mutter nicht angenommen hat, weil sie zu schwach war, keine Milch hatte oder bei der Geburt gestorben ist. Oder es waren zu viele Lämmer, von dreien bleibt das kleinste, das schwächste, das dritte - einfach zurück, liegt im Gras und die Herde zieht weiter. So wäre es in der Natur, hätten die Tiere keinen Hirten. In der Natur, da hätten sie keine Chance würden zurückbleiben und der Wolf, ja ein Fuchs würde reichen oder die Krähe würde es holen. Auferstehung kann einer finden, wenn er mitgeht auf den Gänsehof. Da trifft er Gwyneth, die eben ihr Lämmchen hier in die Kirche hineingetragen hat. Gwyneth ist jetzt 12 Jahre alt, aber sie war fünf als sie das erste Flaschenlämmchen großgezogen und dann auch geschenkt bekommen hat.  Ohne ihre Hilfe wäre es nicht ins Leben gekommen.

Unter uns,  ich schau mal herum: Vielleicht gibt es unter uns  Vertreter, die hören sich die Predigt von der Auferstehung freundlich an, glauben selbst aber eher an die Reinkarnation.  Auch Sie können auf den Gänsehof gehen, denn vielleicht ist es ja so, dass der kleine Hirtenjunge David reinkarniert in Gwyneth ihnen begegnet. Es wäre immerhin möglich. Und vielleicht kämen wir am gleichen Ziel an: Zu behüten, das Kleine und das Schwache in Demut und Geduld. Wir hier in der Kirche erzählen von dem guten Hirten, der für jedes Tier sorgt. Der es nach Hause bringt, denn so kam Jesus wie ein Hirte zu den Verlorenen. Und Gott hat ihn durch den Tod hindurchgeführt so wie eine Mutter ihr Lämmchen, ihr Kind nicht lässt. Wie ein Lamm, das stumm werden würde und ganz verloren wäre, so hat Gott Jesus  eingesammelt, gepflegt und siehe da, er lebt. Und Gott trägt ihn uns hinterher, auf dass wir ihn finden, den Auferstandenen.
Christus, das auferstandene Osterlamm –nun könnte man sagen, das ist ja nur ein Bild, ein schönes Bild, aber was hilft uns das, erklärt ja nun nichts.

Aber unsere Sicht der Dinge, wie wir die Welt und unser Leben sehen, das ist entscheidend. Es ist entscheidend, was wir uns für ein Bild machen von dieser Welt und wie es um uns steht. Es ist entscheidend, ob wir glauben, wer zurückbleibt, weil er zu klein oder zu schwach ist - der hat eben verloren. Es ist entscheidend, ob wir wirklich glauben, dass immer nur nach vorne gestrebt und Gewinn alles ist, was zählt. Und es ist nicht erst in unserer letzten Stunde wichtig und entscheidend, ob wir glauben, dass mit dem Tod denn wirklich alles aus ist.

Wir wollen es auch an diesem Ostermorgen nicht verschweigen: Lämmer leben nicht ewig. Heute feiern wir fröhlich Ostern, dann kommen im Juli die Lammtage nach Sylt.
Und man kann schon jetzt davon lesen. Ein Syltmagazin wirbt schon jetzt für diese Tage und hat dazu ein Schaf abgebildet, ein ausgewachsenes Schaf und schreibt: "Um euch nicht den Appetit zu verderben, haben wir extra kein süßes Lamm abgebildet, sondern nur die Mutter. Somit können wir herzhaft die leckeren Lammschlemmereinen genießen, die es auf Sylt während der Lammtage zu genießen gibt.  Also - Augen zu und durch, es schmeckt einfach zu gut!".
"Augen zu und durch, es  schmeckt einfach zu gut!" - Man braucht kein Osterfest und man braucht auch kein kleines Lamm, um zu merken, dass das einfach dumm ist. "Augen zu und durch, es  schmeckt einfach zu gut!" - das ist zu wenig. Was wir brauchen sind offene Augen, einen klaren Verstand und wir brauchen Respekt vor allem, was lebt - auch vor den Tieren. Also Augen auf und aufgepasst, was ihr esst und was ihr kauft, denn es gibt Respekt vor den Tieren. Es gibt auch für Tiere ein Leben vor dem Tod, es gibt artgerechte Tierhaltung und auf Sylt kann man davon viel sehen. Und trifft Menschen auf dem Gänsehof und anderswo, die einem davon ganz viel erzählen können. Es gibt ein Leben vor dem Tod. Und jedes Tier hat das verdient. Es hat ein Recht darauf, dass es nicht um die Welt geschickt, verletzt und gequält wird und wir sagen "Augen zu und durch - Es fühlt sich so gut an". Wenn das unser Denken wäre, dann könnten wir mit dieser Haltung jede Sucht, jedes Unrecht, jeden Missbrauch rechtfertigen. "Augen zu und durch" - es ist einfach so schön. Es ist sündhaft teuer oder superbillig. Es war ja nur einmal. Es war nicht so gemeint. "Augen zu und durch". Es war ja so schön. Aber gut wird die Welt so lange noch nicht. Schön wird sie nur, wenn uns die Augen aufgehen und wir sehen was wahres Leben ist.


 "Augen zu und durch" kann es nicht sein. Ein einziges Beispiel dafür nur: Wir haben gehört von der stärksten Waffe der Welt: Geduld, Demut und Barmherzigkeit. Und wir haben es vielleicht auch noch nicht vergessen, obwohl es schon vier Woche her ist, dass verkündet wurde, dass in diesem Jahr die Bundesrepublik zum drittgrößten Wattenexporteur aufgeschlossen hat. Die Rüstungsexporte haben sich verdoppelt seit 2005. Und wir werden beruhigt und hören, Es sind alles Natopartner. Aber was sind das für Partner, die sich Panzer in den Vorgarten stellen, um aufeinander zu zielen. Wir haben gehört, was am Karfreitag geschah. Während wir hier zusammen sind, findet in Afghanistan eine Trauerfeier für die gefallenen Soldaten statt. Demut, Geduld und Barmherzigkeit ist und bleibt die stärkste Waffe. Solange  wir sagen "Augen zu und durch" wird der Tod regieren.

„Christe, du Lamm Gottes, der du trägst die Sünd der Welt. Erbarm dich über uns.“ Das möge er wirklich tun. „Christe, du Lamm Gottes, erbarm dich über uns,“ so singen wir es in jedem Abendmahl. Und wenn das alles ist, was wir zu singen und zu sagen haben, dann wäre unsere Botschaft: „Die Welt ist wirklich schlecht. Es wird zu viel gelitten und gestorben. Die Welt ist schlecht, die Sünde groß und unsere Kräfte klein.“  Aber alles wird anders, wenn wir das singen und offen und ehrlich schauen auf unsere Welt und weitersingen und weitergehen: Christus ist auferstanden, davon- gekommen, grade weil er demütig und geduldig und barmherzig war. Darum ist seine Kraft unbändig. Und genau diese Kraft will Gott uns schenken und uns damit segnen. Und er tut es auf  unglaubliche und verblüffende Weise.

Vorhin haben die Kinder Shaun, das Schaf erinnert. Und es ging ein Schmunzeln durch die Kirche - Shaun das Schaf. Viele kennen es. Wer es nicht kennt, der merke sich einfach diesen Namen. Shaun,  das Schaf wird aus Versehen geschoren, als es noch kalt ist, bekommt aber einen Pullover gestrickt. Das war die erste Geschichte, mit der die Serie an den Start ging. Das war genau vor drei Jahren am Ostersonntag -  geworben wurde: „Shaun bringt keine Ostereier - aber jede Menge Osterfreude“. Und wer noch etwas Kultur und Bildung braucht: Ein Jahr später 2008 wurde diese englische Sendung von "Wallace und Gromit" mit dem Emmy Award für die beste Kindersendung ausgezeichnet. Schon das wäre ein Grund hinzugucken, gerade wenn man sich Gedanken macht, welche Medien für Kinder gut geeignet sind. Shaun das Schaf, frecher und klüger als der Bauer, schneller als der Hund. „Es kennt jeden Trick, ist ganz verrückt und niemals brav. Also denk immer dran, was der alles kann, sei nicht brav - sei Shaun das Schaf.“ Er ist nicht Lammfromm, er ist kein Unschuldslamm, er ist ganz bestimmt kein dummes Schaf - er ist Shaun das Schaf. Er hat einen eigenen Kopf und immer die ganze Herde im Blick und super gute Ideen. Er ist so eine Art moderne Pippi Langstrumpf. Unglaublich frech und aufgeweckt,  aber nicht allein in seinem Haus, sondern immer mit der ganzen Herde unterwegs. Niemals tut er etwas, was nicht allen gut tut. Drum sei nicht brav - sei Shaun, das Schaf.

Es ist wahr, es gibt so viel Leid und Unrecht. So viel läuft verkehrt auf dieser Welt. Gott bewahre uns und segne uns. Gott geben uns offene Augen und ein Herz, das etwas spürt von der wunderbaren Kraft Gottes, die lebendig macht. Die uns verbündet mit Lämmern und Kindern, mit Verliebten und mit Weisen, mit Verrückten und mit Dichtern, mit Feinden, die Freunde werden wollen. Und das alles, weil Gott uns liebt und weil Gott uns in Christus mit auferstehen lässt. Er ruft: „Hier bin ich!“ - wie das Mutterschaf zu seinem Lamm, so ruft Gott: „Hier bin ich da für dich!“ und alles, was wir tun müssen, ist einfach zu antworten "Hier bin auch ich!". Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, er bewahrt unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus unserem Herren. Amen
 
 
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