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Liebe Gemeinde, in den letzten Tagen sind viele Worte gemacht worden über Schuld und Vergebung, über „Strafe muss sein“ und „gleiches Recht für alle“. Ein Mensch macht einen Fehler und wir sind schnell da und machen uns zum Richter. Manche sind dabei gnädig und großzügig und erinnern sich ihrer eigenen Verfehlungen, ihrer Missetaten, ihrer Schuld. Andere fordern hartes Durchgreifen und sind vielleicht insgeheim froh, wegen dieses Fehlers einen ihnen unbequemen Menschen loszuwerden. Ein Mensch des öffentlichen Lebens, eine Frau an der Spitze der protestantischen Christen hat einen Fehler begangen. Fehler begehen wir alle. Manche Fehler haben kleine Folgen, andere sind schwerwiegend, aber Fehler machen wir alle. Die für mich interessante Frage ist nicht, warum hat sie das getan, warum ist ihr dieser Fehler unterlaufen, wo sie sich doch selbst öffentlich gegen solches Tun geäußert hat. Sondern die interessante Frage für mich ist, wie geht sie damit um? Was macht sie nun? Margot Kässmann hat alle ihre Ämter zurückgegeben. Schade sage ich, wir werden sie vermissen. Ihre klare, mutige und aufrechte Art, dort zu sein mit Wort und Tat, wo sie gebraucht wird. Dort zum Beispiel, wo sie sagt, Krieg darf nach Gottes Willen nicht sein, denkt daran, genauso wie in dieser erschreckenden Stunde als Tausende in die Kirche strömten um Trost zu suchen, weil ein Idol des Fußballs keine Kraft zum Leben hatte. Aber auch an vielen Orten wird sie nun erstmal fehlen. Das ist der Preis, den sie selbst zahlen möchte, um für sich und vor Gott ihre Glaubwürdigkeit zu behalten. Sie steht zu ihrer Schuld.
Schuld – das ist heute zu einem schwierigen Thema geworden. Nach 1945 wusste jeder von großer Schuld. Heute erlebe ich bei Kindern aber auch bei Erwachsenen folgendes: Was immer auch geschehen ist, zuerst müssen wir klären, wer schuld ist oder noch deutlicher, dass ich nicht schuld bin. Es waren immer andere, oder die Umstände oder die Situation. Ich jedenfalls nicht. Da finde ich es bemerkenswert, wenn jemand sagt; ja, ich habe einen Fehler gemacht und ich trage die Verantwortung für mein Tun.
Martin Luther hat genau das immer umgetrieben. Seine Schuld und seine Verantwortung. Wie kann er da auf einen gnädigen Gott hoffen? Martin Luther muss immer wieder in einem langen Glaubenskampf um den gnädigen Gott kämpfen, bis er lernt, er hat ihn längst. Texte wie der Abschnitt aus dem Römerbrief haben ihm klar gemacht, dass er längst Frieden mit Gott hat, weil der uns mit Frieden ansieht. Wir sind gerecht - nur durch den Glauben.
Für Martin Luther bedeuteten diese Erklärungen im Römerbrief das Ende. Ihm ging es darum, in seinem Tun vor Gott gerecht bestehen zu können oder einen gnädigen Gott zu finden. Wie viele Bußübungen hatte er sich auferlegt, wie oft hatte er Nächte lang durch gebetet und immer das Gefühl gehabt, vor Gott nicht bestehen zu können. Dann fand er diese Schriftstelle, die ihn von den schweren Lasten befreite.
Allein durch den Glauben, sola fide – das ist die Kernaussage der Reformation. Durch den Glauben sind wir gerechtfertigt – nicht durch unser Tun. Diese Gerechtigkeit müssen wir uns nicht neu verdienen und auch nicht täglich neu beweisen. Diese Gerechtigkeit, mit der Gott uns anschaut ist Geschenk, wie Liebe immer Geschenk ist. Erste Frucht dieser Gerechtigkeit ist der Friede mit Gott. Wir sind gerecht und werden geliebt in und vor den Augen Gottes.
Wir haben es uns ja auch gefallen lassen, dass unsere Eltern uns geliebt haben, obwohl wir nicht immer liebenswert waren, dass wir andere Menschen gefunden haben, die uns schätzen auch mit unseren schlechten Angewohnheiten und den Fehlern.
Jeder Mensch ist schön – weil Gott ihn mit Liebe anschaut. Das ist es, was Paulus uns sagt. Mit den Augen Gottes gesehen sind wir gerecht, schön und werden geliebt, weil er uns zuerst liebt. Daran wird sich nichts ändern.
In diesem Vertrauen, dass es Gott ist, der mit Liebe auf mich schaut, kann ich mein Leben gestalten, kann ich auch mit Problemen und Niederlagen anders umgehen. Weil ich eine Ahnung davon habe, dass ich in den Augen Gottes mehr bin als ich selber erkennen kann, darf ich selbstbewusst meinen Glauben leben.
Natürlich wird dadurch nicht alles besser, natürlich löst sich meine Schuld nicht in Luft auf, aber alles kriegt eine andere Größe, eine andere Perspektive. Das Bewusstsein, dass ich geliebt werde, ist ein großartiges Geschenk.
Wir sind schön und wir sind gerecht, schreibt Paulus. Das kann uns helfen, Aggression und Verletzung zu überstehen. Das kann uns helfen, auch mit Menschen, die uns ablehnen freundlich umzugehen. Die Liebe, mit der Gott uns anschaut, kann uns helfen befreit durchzuatmen und zu sehen, wie Leben im Miteinander gelingen kann. Diese Liebe kann uns fähig machen, auch die zu lieben, die uns bedrängen und ärgern.
Gott liebt uns nicht, weil wir gut sind, sondern obwohl wir oft Feinde seiner Schöpfung sind. Wir werden nämlich nicht geliebt, weil wir besonders gut und besonders erfolgreich sind, sondern allein aus Gnade, obwohl wir eben nicht so toll und erfolgreich sind. Und daran wird sich nichts ändern. Es ist nichts zu machen - auch nichts falsch zu machen, wir können uns noch so sehr von Gott entfernen: Gottes Liebe ist grenzenlos und wir fallen aus dieser Liebe nicht heraus. Wir müssen sie nur annehmen. Lieben heißt Geben und Nehmen. Gott liebt uns, das bringt Hoffnung, Geduld und Bewährung.
Die Hoffnung kann uns am Leben erhalten, weil sie auch in den schlimmsten Erfahrungen, auch im finstersten Tal noch etwas spüren lässt von dem Geist, der mit uns durchs Leben geht, von der Liebe, die uns begleitet. Denn Gott liebt uns nicht, weil wir schön oder gut sind, sondern weil wir seine Kinder sind. Darum ist er uns nahe gekommen und in Jesus unser Bruder geworden, damit wir seine Liebe be – und ergreifen können. Wenn wir das wie damals Martin Luther verstehen, werden wir bereit sein zur Gemeinschaft, in die jeder etwas einbringt. Wir werden bereit sein, die Verantwortung für unser Tun und Lassen anzunehmen, weil wir sicher sein können, dass Gott uns trotzdem liebt. Wo Menschen sich gegenseitig Frieden gewähren, wo Menschen einander erlauben, so zu sein, wie sie sind und einander die Chance einräumen anders zu sein oder anders zu werden, da haben wir Frieden mit Gott. Er wird uns beflügeln, damit Friede werden kann mit unseren Mitgeschöpfen. Amen
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