St. Severin Kirche zu Keitum
                                                                                                                                                                                                  
 

   
Predigt vom 02.04.2010 - Karfreitag

karfreitag_2010.jpgPastorin Susanne Zingel
Sonntag, den 02.04.2010 (Karfreitag)

Audiomitschnitt

(ca. 17 Min.)

 


Jellingstein,
gezeichnet von Michele Barthelmes


Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da war, der da ist und der da kommt. Amen.

Liebe Gemeinde,
„Stricke des Todes hatten mich umfangen, des Totenreichs Schrecken hatten mich getroffen; ich kam in Jammer ich kam in Not.“        (Psalm 116, 3)
Wie in jeder anderen großen Metropole unserer Welt durchzieht die Metro Moskau wie Adern einen lebendigen Organismus. Die Metro verbindet und vernetzt die Stadtteile, durch diese Untergrundbahn pulsiert das Leben. Menschen eilen zur Arbeit, von einer Arbeit zur nächsten, spät nach Hause, davor zum Einkaufen, zwischendrin holen sie die Kinder von der Schule oder von den Großeltern ab, am Feiertag besuchen sie Freunde oder sie fahren an den Stadtrand. Plötzlich bleibt alles stehen: Zwei  Selbstmordattentäterinnen reißen sich selbst und 39 Menschen mit in den Tod.
 

Schwarze Witwen werden sie genannt. Diese jungen Frauen aus Tschetschenien, die ihre Männer im Krieg verloren haben – ihr Schmerz  kann nicht heilen, ihre Trauer verwandelt sich in das Bedürfnis nach Rache und die Sehnsucht, dem Geliebten zu folgen, wird aufgestachelt und missbraucht, schlägt um in Hass und Sehnsucht nach Vergeltung. ‚Als du tot warst, machte nichts mehr Sinn.‘ Liebende kennen die Sehnsucht dem Geliebten, wenn er stirbt zu folgen. Mütter, die ihre Kinder überleben, fragen immer wieder, manchmal ein ganzes Leben lang, ‚Warum musste er gehen? Warum musste sie vor mir sterben?‘ Und je älter sie werden umso dringlicher fragen sie: ‚Warum hat Gott nicht mich genommen?‘ Sie wären so bereit, ihr Leben zu geben, könnten sie nur die Krankheit heilen oder den anderen auslösen. Ganz sicher ist, dass die Trauer und die Sehnsucht dieser jungen verzweifelten Frauen in Tschetschenien von Machtmenschen missbraucht wird. Und wenn wir genau hinhören, wie verräterisch sind die Worte, der Name, den wir ihnen hier geben: Eine schwarze Witwe. Das ist eigentlich eine Spinne. Eine Spinne, die ein Netz webt, bei uns kommt sie hier nicht vor, aber man braucht sich nur ein Spinnennetz vorzustellen. Die Spinne webt und webt, es sieht wunderschön aus, wenn Tautropfen sich darin spiegeln. Und doch ist es ein Netzwerk des Todes, in dem jedes Insekt, das sich darin verfängt,  endet. Und nicht nur dass, den schwarzen Witwenspinnen wird nachgesagt, dass sie ihren männlichen Partner, die männliche Spinne im Liebesakt töten. Und da bekommt dieser Name, der aus dem Tierreich entliehen wird noch einmal eine andere Bedeutung. Denn letztlich sterben in so einem schrecklichen Attentat in Moskau die betrauerten Toten, sterben diese jungen toten Männer, deren Tod gerächt werden soll, sterben sie noch einmal. Denn nach diesem Attentat wird es keine Erinnerung geben an sie, wie sie einmal waren. Es wird nur noch mehr Zorn und Wut und Sehnsucht nach Rache geben und keinen, der um sie trauert. Es wird keine Chance geben, barmherziger zu werden - unter Tränen den Frieden zu lernen. Da wird keiner liebevoll an sie denken und ihr sinnloser Tod wird immer und immer und immer noch weitere Kreise ziehen. Immer weiter spinnt sich so das Netz des Todes. So gibt es keine Erlösung, sondern immer nur die gleiche Wiederholung.

Stricke des Todes hatten mich umfangen, / des Totenreichs Schrecken hatten mich getroffen.


Je mehr uns aufgeht, wie verflochten die Mächte des Todes wirken und ineinander verwebt sind, umso mehr uns aufgeht, dass auch wir dahinein verwoben sind mit unserem Leben, umso erstaunlicher wird es, dass wir hier nach fast 2000 Jahren zusammen kommen, um den grausamen Tod Jesu zu erinnern. Er war nicht bedeutend nach den Maßstäben seiner Zeit. Er war kein Königskind, er lebte in keinem Palast, er war kein Philosoph, er lehrte an keiner Schule, er war kein Schriftsteller, der klug Aufgeschriebenes hinterlässt. Jesus hat keine anderen Spuren hinterlassen als die Erinnerung in den Herzen der Menschen, die ihm gefolgt sind, die mit ihm mitgegangen sind. Er war ein einfacher Wanderprediger. Die Menschen um ihn herum, die meisten konnten nicht lesen und schon gar nicht schreiben. Es gab welche, die sagten, er hat den Blinden geheilt. Es gab welche, die sagten: ‚Wir haben es mit eigenen Augen gesehen, er war gelähmt, er stand auf und ging davon.‘ Und die Großen sagten, ‚das sind Legenden, das ist gelogen.‘ Er sagte, ‚der Menschen lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Wort Gottes.‘ Und er zeigte den Menschen, wie man teilt. Wie man mit fünf Broten alle satt macht. Und da sagten die Mächtigen, ‚der ist gefährlich.‘ Jesus lebte in einer Diktatur. Soldaten patroulierten  wie in den Straßen von Tschetschenien, kontrollierten und brachten alles zu Tode, was irgendwie widerständig war. Zurzeit Jesu sind tausende andere gestorben, grausam hingerichtet. Und Unzählige gingen in den Widerstand, versteckten den Dolch im Gewand. Ihre Namen kennen wir nicht, sie sind einfach vergangen.
Aber dass Jesus von Nazareth nicht vergessen ist, das ist ein Wunder. Wenn seine Anhänger für ihn gekämpft hätten, wenn sie versucht hätten, seinen Tod zu rächen, wenn sie mit ihm in den Tod gegangen wären -  tapfer und mutig wie man sagt. Wir hätten nie etwas von Jesus gehört. Als er verhaftet wurde, da nahm Petrus das Schwert und schlug dem ersten Knecht, der da stand, das Ohr ab, so wird es erzählt. Und Jesus sagte: ‚Stecke dein Schwert ein, denn wer das Schwert nimmt wird durch das Schwert umkommen‘, und er nahm das Ohr und den Soldaten und berührte ihn und er wurde heil. Er sah ihm in die Augen und aus dem Kriegsknecht wurde im gleichen Augenblick ein Mensch. Wir wissen bis heute seinen Namen, Malchus heißt er, einfach ein Söldner im Kriegsheer. Nicht vergessen. Dadurch dass Jesus noch im Angesicht des Todes seine Hand ausstreckt und seinem Feind, der nicht sein Feind ist, hilft. Er verbindet sich mit ihm, er berührt ihn und indem er das tut, durchtrennt er das Netzwerk des Todes. Er zeigt es ist kein unausweichliches Schicksal. Es ist möglich, seine Feinde zu lieben. Was nur nicht geht, ist sie abstrakt und von ferne zu lieben. Deinen Feind zu lieben, das ist nur möglich, wenn du siehst wie einer leidet, wie er weint, wie er verzweifelt ist, weil seine Tochter tot ist, sein bester Freund krank ist und keiner ihm helfen kann. Es ist möglich, einem Kriegsknecht so in die Augen zu schauen, dass er im gleichen Augenblick kein Knecht mehr ist, sondern wieder ein Mensch. Und ich bin sicher, dass Malchus zutiefst getrauert hat, als er Jesus am Kreuz sah.

In den Bankreihen haben Sie ein kleines Lesezeichen mitbekommen. Sie sehen ein Bild von dem Jellingstein. Jelling ist ein kleiner Ort in der Mitte von Dänemark, von Jütland. Er wäre nichts besonderes, er würde in keinem Reiseführer erwähnt, gäbe es nicht diesen Jellingstein, diesen Runenstein. Lang, lang zurück, Ende des zehnten Jahrhunderts hat Harald Blauzahn, der dänische König, diesen Stein errichten lassen. Er hat ihn zwischen die Grabsteine seiner Eltern, seines Vaters Gorm und seiner Mutter Thyra gestellt. Es ist das älteste christliche Zeugnis, das wir in Skandinavien finden - Christus am Kreuz, aber ganz anders als wir ihn kennen. Es gibt kein Holzkreuz, es gibt keine Nägel, es gibt kein Blut - Christus der Gekreuzigte steht aufrecht da und scheint zu schweben. Ja, alles an ihm scheint leicht und frei. Die Arme breitet er segnend aus. Er ist nicht nackt, er ist nicht entblößt, er ist eingehüllt in ein reines weißes Gewand. Es ist der Gekreuzigte und doch ist es kein Sterbender. Da schaut uns einer an, der so lebendig ist, dass er noch im Tode segnet. Und dass kommt, weil  er eingebunden ist in den Lebensfaden.  Nicht die Stricke des Todes binden ihn und fesseln ihn hier. Diese Bänder sind liebevoll und fein geflochten, kunstvoll, jede Windung voller Sinn und voller Weisheit. Wir kennen den Lebensfaden, den die Nornen weben. Auf unserem Taufbecken ist er wie auf vielen uralten Taufbecken hier oben im Norden zu finden.

Die kämpferischen Wikingern kannten dies Symbol und waren ganz gewiss keine Friedensstifter. Ganz bestimmt hatten sie viele Menschen sterben sehen und auch selbst getötet. Und wer immer sich heute aufmacht in eins der so guten Museen die uns die Zeit von damals aufschließen, in Ribe oder in Haitabu, wo man das Haus des Häuptlings der Wikinger wirklich betreten kann, der möge an der Schwelle inne halten und sich einmal vorstellen: ‚Wie war das wohl, als der Missionar Ansgar hier eintrat. Wie soll es ihm eigentlich gelungen sein, diesen kämpferischen Wikinger zu erzählen, dass es einen Erlöser gibt und einen Heiland, der stärker ist als alle ihre Götter. Es muss Ansgar und allen Missionaren wunderbar gelungen sein. Davon erzählt dieser Jellingstein. Denn dieser Stein erzählt und beschreibt, dass im Tod und durch alles Leiden hindurch Christus nicht als Feigling dasteht, sondern in seiner Art als ein ganz eigener Held. Er hatte kein Schwert, er hatte keine Lanze, er hatte keine Axt. Er hat niemanden verletzt, er hat niemanden getötet. Aber er war so fest ein gebunden in Liebe und Treue und Glaube, dass niemand ihn trennen konnte von Gottes segnender Kraft.

‚In Seilen der Liebe ließ ich dich gehen mein Kind.‘ Dieses Wort des Propheten Hosea ist überliefert (Hosea 11,4). Vielleicht hat Ansgar dieses Wort benutzt, ‚In Seilen der Liebe ließ ich dich gehen mein Kind.‘ Man kann sagen am Karfreitag, dass Jesus so eingebunden war ganz und gar in Gottes Liebe, das wurde ihm zum Verhängnis. Aber er ist kein Verhängnis, wenn einer so eingebunden ist in die Liebe, dass selbst  der Tod ihn nicht daraus lösen kann. Es ist kein Verhängnis, sondern ein Segen für uns. Dreifaltig ist Christus eingebunden, jeder kunstvolle Knoten erinnert an Glaube, an Liebe und Hoffnung. Da steht kein gefesselter Kriegsgefangener, kein Delinquent, das ist ein Königsbild voller Kraft und Sinn und Schönheit. Dieses Netzwerk, dieses  Band hat ein anderer für Jesus geknüpft. Ein anderer hat ihn behütet, getragen, umhegt. Da gibt es keine Spinne, die eiskalt einen Faden zieht, ein Netzwerk des Todes, sondern es ist ein Gegenbild, das wir so nötig brauchen wie die Kraft, die Christus im Leben gehalten hat und die uns stark macht, zu vergeben, zu segnen und sich anzubinden an Gottes Güte.

‚Dieser war wirklich Gottes Sohn,‘ sagt der Hauptmann unter dem Kreuz. Er sah keine Auferstehung, er sah nur Christus am Kreuz. Er hat ihn gesehen diesen Menschen voller Liebe. Vielen war er bedrohlich – aber nur denen, die sich nicht einbinden lassen in die Güte Gottes. Wir gehören auch zu denen, denen bedrohlich wurde, was Jesus in Welt brachte. Und wir gehören ganz und gar nicht dazu. Denn alles, was aus Gott kommt, das bindet uns ein in ewiges Leben, verbindet uns mit Gottes Liebe und einer Hoffnung, die stärker ist als jeder Tod. Und das wird bleiben. Durch Gottes Güte und seine Kraft, jetzt und alle Zeit.

Amen

 
 
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