St. Severin Kirche zu Keitum
                                                                                                                                                                                                  
 

   
Predigt vom 30.08.2009


predigt30082009.jpgPastorin Susanne Zingel
Sonntag, den 30.08.2009
Die Heilung eines Taubstummen; Markus 7, 31 – 37

Audiomitschnitt

(ca. 18 Min.)

 




Liebe Gemeinde,

anrührend ist die Geschichte von Johann Heermann, dem Liederdichter, dessen Lied wir gerade gesungen haben. Das fünfte Kind war er, das seine Mutter in den Armen hielt. Vier hatte sie vor ihm schon begraben. Dies fünfte Kind es möge leben. Und wie Hannah im Tempel versprach sie, alles will ich geben und wenn ich betteln gehen muss, dieses Kind soll leben und lernen und die Güte Gottes verkünden. Mit der Orthodoxie ist Johann Heermann hineingeboren in eine Zeit, wo man  die Weisheit mit Löffeln gefressen hatte. Wo man glaubte ganz genau zu wissen war richtig und falsch im Glauben sei. Mit diesem rechthaberischen Glauben ging man gerade drauf zu in den dreißig jährigen Krieg und scheiterte so schrecklich, wie man nur scheitern kann.

 



























Johann Heermann wird  von seiner Mutter, seinem Vater geleitet behütet mit schwacher Gesundheit lernt er, wird mächtig im Wort und wird mit 23 Jahren zum Dichterfürsten gekrönt – 10 Jahre bevor der dreißig jährige Krieg ausbricht. Und er dichtet und dichtet viele hundert Lieder und je länger er dichtet , umso klarer wird es, dass es nur ein einziges Wort ist, was heilt und hilft und durch den Schrecken hindurch trägt. Er hat alles Glück und alle Liebe gefunden und sie unter schrecklichen Umständen verloren. Er hat den dreißigjährigen Krieg fast ganz durchlebt. Nicht wie Paul Gerhardt, der in den letzten Jahren verstummte, dem die Schönheit der verdichteten Poesie abhanden kam, dichtet Johann Heermann bis zu seinem allerletzten Tag. Ein Poet mitten im Krieg, mitten durch Angst und Schrecken trägt er hindurch: „O Jesu Christe,  wahres Licht erleuchte, die dich kennen nicht.“ 

Als die Menschen den Taubstummen zu Jesus brachten, da klopfte sein Herz. Da wurde ihm angst und bange. Keiner erklärte ihm, was dies alles sollte, er wusste nichts von Jesus, hatte nichts von ihm gehört. Es sind wohl Freunde, die den Mann zu Jesus brachten, um zu sehen,  was dieser Wunderheiland denn nun kann.
Alle schauen auf Jesus und den Taubstummen. Bittend, fragend, gaffend neugierig, hämisch grinsend  - was soll das schon werden? Ein Mensch wird zum Anschauungsobjekt und versteht nichts und kann nichts zu all dem sagen. Aber er sieht alles, was um ihn herum vor sich geht. Und Jesus nahm ihn aus der Menge beiseite. Denn Heilung hat nichts marktschreierisches, aber sie geschieht auch nicht im Verborgenen. Es braucht einen, der helfen kann,  einen, der den Anfang von Verwandlung und Neuwerden kennt.
Als Jesus mit dem Mann wieder zurückkommt kann dieser sprechen und hören und alle laufen los und erzählen es weiter, sie zitierten die Bibel, den Jesaja. Aber das Geheimnis der Heilung bleibt ihnen verschlossen. Sie waren nicht dabei, als Jesus dem Tauben die Finger in die Ohren legte und seine Zunge mit Speichel berührte und seufzte und sprach „Hefata“.  Das wird keines Falls so schnell vor sich gegangen sein, wie es sich in Worten zusammenfassen lässt.  Jesus kommt dem Mann ganz nah. Es ist eine Grenzüberschreitung, mit Speichel die Zunge berühren.   Das scheint eklig, aber ja nur dem, der noch nie einen andern geküsst hat. So zärtlich wie eine Mutter, die ihrem Kind  die Tränen wegküsst, so zärtlich wie zwei Liebende rührt Jesus den Mann an und nimmt seufzend all seinen Schmerz und sein Lebensleid auf sich und verwandelt  es mit einem einzigen Wort und sogleich wurde der Mensch gesund.

Das scheint unmöglich, aber nur in dieser Verdichtung, denn dass Heilung möglich ist, wo wir ankommen bei uns selbst, das zärtliche Zuwendung, ein einfühlendes Wort und Glaube  heilen kann, das wissen wir alle. Es ist müßig zu fragen, welche Krankheit denn da genau geheilt worden sein soll. Überliefert ist diese Geschichte um zu erzählen von Christuskraft, die ihn zum Heiland macht. Dass eine Berührung von ihm den anderen verwandelte. Dass ein Seufzer  zum Gebet wurde. Dass er Horchen konnte, sich einließ, dass er ganz und gar den Ton aufnahm,  auf den ein Mensch gestimmt ist.

Einen Menschen im Lichte Gottes sehen, noch inniger ist einen anderen Menschen ganz und von innen her zu hören.  Unsere Augen können wir schließen. Als Sehende bleiben wir Zuschauer, bleibt eine Distanz zwischen dem Betrachter und dem Gegenüber. Unsere Ohren können sich nicht genauso selbst schließen. Sie sind  immer geöffnet. Das Ohr ist  wie eine Muschel. Es dreht sich nach innen wie ein Schnecke, ganz fein findet die Schwingung ihren Weg, immer enger, immer kleiner der Impuls. Denkt man darüber nach, geht einem auf, es ist ein Wunder, dass jeder Ton, den wir hören, jedes Wort eine Schwingung in der Luft ist, die so fein geführt wird, dass sie - berührt sie   das Trommelfell - feinste Häärchen in Schwingung versetzt, und darin eine Resonanz in uns auslöst.
Wir hören. Wir hören vom allerersten Anfang an. Der erste Reiz, der ein ungeborenes Kind  von außen erreicht,  ist  Klang. Der Herzschlag,  die Stimme der Mutter, aber auch Krach und Musik. Für das ungeborene Kind ist Klang eine Ganzkörpererfahrung. 
Hören und sich hören lassen ist von Anfang an eins. Das erste ist nicht, dass wir das Licht der Welt erblicken, Das erste ist ein Schrei, geboren ist ein neuer Mensch. Im Hören und sich hören lassen wächst ein Mensch ins Leben hinein. Früher sagte man tumb und taub und dumm, als wäre das eins. Aber es rührt an den  Zusammenhang:  wir lernen zu sprechen, indem wir zuhören, nachahmen, wir lernen sprechen, indem ein anderer uns zuhört. Es ist ein stete Interaktion, ein ständiger Austausch, der allzuoft abreißt.

From the moment I could talk, I was ordered to listen. „ Vom  Augenblick an, wo ich sprechen konnte, sagte man mir ich soll zuhören.“  Wir leben in einer lauten und lärmenden Welt, jeden Tag hören wir Schreckliches, Unglaubliches, hören soviel, dass es unser Fassungsvermögen bei weitem übersteigt. Und wenn sich die Menschen nach etwas sehnen dann nach Stille.

Die Intimität der Begegnung von Jesus und dem Taubstummen füllt einen ganz leichten, stillen  Moment. Es scheint so leicht, dass es unmöglich scheint, dass davon ein ganzer Mensch heil werden kann. Aber die Berührung ist freigewordene göttliche Liebe.  Die Grenze zwischen beiden löst sich auf, göttliche Kraft strömt in den Mann ein.

Zu dieser Geschichte gehört keine Moral, keine Anleitung, dass, wir uns jetzt üben sollten, stiller zu werden, feiner zu hören, sensibler zu werden, hellhörig oder einfühlsamer.  Es geht einfach nur darum, sich diese Geschichte erzählen zu lassen.  Innezuhalten, dass sie bei einem ankommen kann. Eine Berührung durch Christus heilt und hilft aus dem größten Schrecken noch heraus. Als Gott alles geschaffen hatte, da schaute er an alles, was da geworden war. Und siehe, es war sehr gut. Er schaute es aber nicht nur an. Er horchte auch und erhörte den Klang  und die Harmonie. Und in dem Zusammenspiel von Schauen und Horchen wurde es ein Ganzes  und wurde alles gut.

Jeden Sonntag, Schabbat oder Feiertag lädt Gott uns ein, genauso innezuhalten. Ein Augenblick in seiner Gegenwart ist heilig, denn es heilt eine einzige innige Berührung durch unseren Gott. Sie macht uns nicht   strahlend, schön, schon gar nicht perfekt  und nicht poliert.  Sie macht uns aber heil und ganz so wie wir sind, und geliebt  und durchlässig für  Gottes Güte. Und das im Frieden Gottes höher als alle Vernunft, der unsere Herzen und Sinne behütet in Christus Jesus unserm Herrn. Amen


 
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